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Aus: Johannes Itten, Kunst der Farbe, Ravensburg 1989, S. 30 f.:
Der zwölfteilige Farbkreis

Als Einleitung in die konstruktive Farbenlehre entwickeln wir den zwölfteiligen Farbkreis aus den Farben erster Ordnung: Gelb, Rot, Blau (Abb. 3). Es ist bekannt, daß der normal Farbensichtige in der Lage ist, ein Rot zu finden, das weder bläulich noch gelblich ist, ein Gelb zu finden, das weder grünlich noch rötlich ist, und ein Blau zu finden, das weder grünlich noch rötlich ist. Es ist ratsam für die Prüfung jeder Farbe, diese vor einem neutral grauen Untergrund zu betrachten. Diese Farben erster Ordnung müssen auf das sorgfältigste ausgewählt werden.

In ein gleichseitiges Dreieck setzen wir die drei Farben erster Ordnung so, daß Gelb oben, Rot unten rechts und Blau unten links steht. Das Dreieck ist einem Kreis eingeschrieben, in welchem wir ein Sechseck entwickeln. In die Restdreiecke geben wir die drei Mischfarben, gebildet aus je zwei Farben erster Ordnung. So erhalten wir die Farben zweiter Ordnung:

Gelb und Rot = Orange Gelb und Blau = Grün Rot und Blau = Violett Die drei Farben zweiter Ordnung müssen sehr genau ausgemischt werden, sie dürfen weder zur einen noch zur anderen primären Farbe hinneigen. Die Erfahrung zeigt, daß die Mischfarben zweiter Ordnung nicht ohne Schwierigkeiten gefunden werden. Orange darf nicht zu rot und nicht zu gelb, Violett darf nicht zu rot und nicht zu blau, und Grün darf nicht zu gelb und nicht zu blau ausgemischt werden.

Nun ziehen wir in nützlichem Abstand zu der ersten Kreislinie ein Kreisband, welches wir in zwölf gleiche Sektoren teilen. In diesen Kreisring tragen wir an den entsprechenden Orten die Farben erster und zweiter Ordnung ein, so daß zwischen je zwei Farben ein leerer Sektor bleibt. In diese leeren Sektoren tragen wir dann die Farben dritter Ordnung ein, welche aus der Mischung einer Farbe erster Ordnung mit einer Farbe zweiter Ordnung entstehen. Wir erhalten aus:

Gelb und Orange = Gelborange
Rot und Orange = Rotorange
Rot und Violett = Rotviolett
Blau und Violett = Blauviolett
Blau und Grün = Blaugrün
Gelb und Grün = Gelbgrün

So ist ein zwölfteiliger, gleichabständiger Farbkreis entstanden, in welchem jede Farbe ihren unverwechselbaren Platz einnimmt. Die Farben folgen sich in der Ordnung des Regenbogens und des Spektralfarbenbandes.

Isaak Newton erhielt diesen stetigen Farbkreis, indem er den im Spektralfarbenband fehlenden Purpur ergänzend hinzufügte. Der Farbkreis ist also konstruktiv ergänzt.

Die zwölf Farben sind in gleichen Abständen geordnet, und die gegenüberliegenden Farben sind komplementär. Diese zwölf Farben kann man sich jederzeit genau vorstellen, und alle ihre Variationen sind mit Leichtigkeit einzuordnen.

24- oder gar 100teilige Farbkreise herzustellen, erachte ich als sinnlose Zeitvergeudung ohne praktischen Wert für den Farbenkünstler. Welcher Maler kann sich ohne weitere Hilfsmittel die Farbe Nr. 83 des 100teiligen Farbkreises vorstellen? Solange unsere Farbbegriffe nicht genau fixierten Farbvorstellungen entsprechen, solange ist auch keine nützliche Diskussion über Farben möglich. Man muß die zwölf Farbtöne so genau sehen, wie ein Musiker die zwölf Töne seiner Tonleiter genau hört.

Delacroix hatte an einer Wand seines Ateliers einen Farbkreis montiert, auf welchem zu jeder Farbe die zu ihr möglichen Kombinationen aufgeschrieben waren. Die Impressionisten, Cézanne, van Gogh, Signac, Seurat und andere verehrten Delacroix als bedeutenden Farbenkünstler. Delacroix und nicht Cézanne ist der Begründer jener Richtung moderner Malerei, welche bestrebt ist, ihre Werke auf logisch erfaßbaren objektiven Farbprinzipien aufzubauen, um damit in ihren Arbeiten einen höheren Grad von Ordnung und Wahrheit zu erreichen.