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Aus: Johannes Itten, Kunst der Farbe, Ravensburg 1989, S. 8-12:

"Wir können aus den farbigen Zeugnissen alter Zeitepochen die Gefühlslage der betreffenden Völker ablesen.
Ägypter und Griechen zeigten große Freude an farbig bunter Gestaltung.
In China gab es schon in vorchristlicher Zeit große Maler. Ein Kaiser der Han-Zeit besaß 80 v. Chr. Depoträume, ein Museum, für die von ihm gesammelten Malereien, die von großer farbiger Schönheit gewesen sein sollen. In der Tang-Zeit (618-907 n. Chr.) entstand in china eine starkfarbige Wand- und Tafelmalerei. Gleichzeitig wurden neue gelbe, rote, grüne und blaue Glasuren in der Keramik entwickelt. In der Sung-Zeit (960-1279 n. Chr.) verfeinerte sich das farbige Empfinden außerordentlich. Die Farben der Bilder wurden stärker variiert und gleichzeitig naturalistischer. In der Keramik entstanden viele Glasurfarben von vorher ungekannter Schönheit, wie Seladon und Claire de lune. Aus dem ersten nachchristlichen Jahrtausend sind uns in Europa starkfarbige, polychrome römische und byzantinische Mosaiken erhalten. Die Mosaikkunst stellt an das farbige Können große Anforderungen, weil jede Farbfläche aus vielen einzelnen Farbpunkten zusammengesetzt wird, von denen jeder geprüft und überlegt werden muß. Die Mosaikkünstler in Ravenna wußten im 5. und 6. Jahrhundert viele unterschiedliche Farbwirkungen aus komplementären Farben zu erzielen.

Im Mausoleum der Galla Placidia herrscht eine merkwürdige Lichtatmosphäre aus farbigem Grau. Sie entsteht dadurch, daß die blauen Mosaikwände des Raumes überstrahlt werden von einem orangefarbenen Licht, welches durch die schmalen Fenster, die aus orangefarbenem Alabaster bestehen, in den Raum gefiltert wird. Orange und Blau sind komplementäre Farben, welche, gemischt, Grau ergeben. Indem der Besucher die Kapelle abschreitet, erhält er von jedem Punkt des Raumes aus unterschiedliche Mengen von bald blau, bald orange betontem Licht, weil die Wände in ständig wechselnden Winkeln die Farben reflektieren. Dieser Farblichtwechsel erzeugt im Besucher ein Gefühl von schwebender Farbigkeit.

In der frühmittelalterlichen Miniaturmalerei der irischen Mönche findet man im 8. Und 9.Jahrhundert eine Farbgebung von großer Vielfalt und Differenziertheit. Am erstaunlichsten. in ihrer strahlenden Kraft sind jene Blätter, in denen die vielen unterschiedlichen Farben in gleichen Helligkeiten gegeben sind. Dadurch entstehen malerische Kalt-Warm-Wirkungen, wie wir sie ähnlich erst wieder bei den Impressionisten und bei van Gogh finden. Es gibt Blätter im >Book of Kells<, die in ihrer logisch farbigen Durchführung und in ihrer organisch linearen Rhythmik so großartig und rein gestaltet sind, wie Bach'sche Fugen. Die Sensibilität und künstlerische Intelligenz dieser >abstrakten< Miniaturmaler haben ihre monumentale Fortsetzung in der Glasmalerei des Mittelalters gefunden. Wenn in der Frühzeit der Glasmalerei nur wenig unterschiedliche Farben verwendet wurden und deshalb die Farbgebung primitiv wirkt, so hat dies seine Ursache darin, daß zu dieser Zeit die technische Herstellung der Gläser nur wenige Farben erlaubte. Wer aber einmal einen Tag lang in der Kathedrale von Chartres, im wechselnden Licht des Tages, die Glasfenster studiert hat und schließlich erlebte, wie die untergehende Sonne die große Rose über dem Kircheneingang zum orgelhaften Farben-Großklang erweckte, dem wird dieser Augenblick in seiner überirdischen Schönheit unvergessen bleiben.

Die Künstler der Romanik und Frühgotik verwendeten in ihren Wand- und Tafelbildern die Farben als symbolisch expressive Werte. Deshalb waren sie bestrebt, eindeutige und ungetrübte Farbenklänge zu gestalten. Nicht die Differenzierung in viele Farbtonvariationen oder die Vielheit unterschiedlicher Farbcharaktere wurde gesucht, sondern einfache und eindeutige, symbolhafte Wirkung. Auch die Formen erfuhren eine gleiche Behandlung.

Giotto und die Sienesen waren wohl die ersten Maler, welche die Figuren formal und farbig individualisierten und damit eine Entwicklung einleiteten, welche nach 1400 zu der imponierenden Vielheit der unterschiedlichen Malerpersönlichkeiten führte, wie sie uns im Europa des 15., 16. und 17. Jahrhunderts entgegentreten.

Die Brüder Hubert und Jan van Eyck kamen in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts zu Bildgestaltungen, welche als kompositionelle Grundlage die Lokalfarben der dargestellten Personen und Objekte festlegten. Aus diesen Lokalfarben heraus wurden durch stumpfe und leuchtende, helle und dunkle Töne realistische, der Natur sehr nahe kommende Bildklänge entwickelt. Die Farben wurden ein Mittel zur Charakterisierung natürlicher Dinge. 1432 entstand der Genter Altar, und 1434 schuf Jan van Eyck das erste Porträt der Gotik, das Doppelbildnis des Arnolfini und seiner Gattin.

Francesca (1410-1492) malte scharf umrissene Persönlichkeiten mit eindeutig expressiven Farben, denen komplementäre Farben Gleichgewichtgaben. Die Farben selbst sind seltene, für Francesca aber charakteristische Töne.

Leonardo da Vinci (1452-1519) lehnte starke Farbigkeit ab. Er malte seine Bilder mit unendlich feinen Tonwertunterschieden. Die Bilder des Hieronymus und der Anbetung sind nur in Sepia-Tönen als Hell-Dunkel-Klang gemalt.

Tizian (1477-1576) hat in seinen Frühwerken die einheitlichen Farbflächen isoliert gegeneinandergesetzt. Später löste er diese Flächen immer mehr in kältere und wärmere, hellere und dunklere, stumpfere und leuchtendere malerische Modulationen auf, wie wir es am deutlichsten bei dem Bild >Bella< der Galerie Pitti in Florenz sehen können. In den Alterswerken entwickelte er die Darstellung aus einem Gesamtfarbton und vielen unterschiedlichen Hell-Dunkel-Tönen dieser Farbe. Als Beispiel kann die >Dornenkrönung< in der Münchner Pinakothek dienen.

EI Greco (1541-1614) war Tizians Schüler. Er hat dessen Vieltonigkeit wieder auf große expressive Farbflächen zurückgeführt. Seine einzigartigen, oft erschütternden Farbgebungen wirken nicht mehr als Lokalfarben, sondern sind abstrakt, den psychischexpressiven Erfordernissen der Bildthemen entsprechend. Deshalb ist Greco ein Vater der gegenstandslosen Malerei geworden. Seine Farbflächen bezeichnen nicht mehr Gegenständlichkeiten, sie sind zu reinen Bild-Farbklängen organisiert.

Grünewald (1475-1528) hat hundert Jahre früher als EI Greco dasselbe Problem gelöst. Während Grecos Farbtöne immer sehr stark und in individueller Weise durch graue und schwarze Töne gebunden sind, hat Grünewald Farbe gegen Farbe gesetzt. Aus einer objektiv zu nennenden Beherrschung der Farbentotalität findet er für jedes Bildmotiv die entsprechenden Farben. Der Isenheimer Altar zeigt in allen Teilen eine Vielfalt der Farbcharaktere, der Farbwirkungen und der farbigen Expression, daß man von einer geistig universellen Farbkomposition sprechen kann. Die >Verkündigung<, das >Engelkonzert< >Christus am Kreuz<, die >Auferstehung< sind Bilder, die sowohl in der Form wie in der Farbe völlig verschieden voneinander sind.

Grünewald opferte der künstlerischen Wahrheit des einzelnen Bildthemas sogar die dekorative Einheitlichkeit des ganzen Altars. Er setzte sich über diese Schulregel hinweg, um wahrhaftig und objektiv zu bleiben. Die psychisch-expressive Kraft seiner Farben, wie ihr symbolhaft geistiges Wahrsein und ihre realistische Deutlichkeit, alle diese drei Wirkungsmöglichkeiten der Farben sind in einem tieferen Sinne einheitlich verschmolzen.

Rembrandt (1606-1669) gilt als der eigentliche Repräsentant der Hell-Dunkel-Malerei. Obwohl Leonardo, Tizian und EI Greco denselben Hell-Dunkel-Kontrast als Ausdrucksmittel benutzten, ist es doch bei Rembrandt völlig anders. Er fühlte die Farbe als dichte Materie. Mit durchsichtigen grauen und blauen oder gelben und roten Lasurtönen schuf er in seiner Malmaterie eine Tiefenwirkung, welche ein merkwürdig vergeistigtes Leben in sich hat. Dadurch, daß Rembrandt eine pastose Mischung von Tempera und Ölfarbe verwandte, erzielte er Texturen, die eine ungewöhnlich suggestive Wirklichkeitskraft ausstrahlen (>Mann mit Goldhelm<). Die Farbe wird bei Rembrandt eine materiell gewordene Lichtkraft voller Spannungen. Reine Farben leuchten oft wie Juwelen aus stumpfer Farbsubstanz heraus.

Mit El Greco und Rembrandt stehen wir mitten in den Farbproblemen des Barock. In den extremsten Barock-Architekturen ist der statische Raum rhythmisch dynamisch aufgelöst. Dieser gleichen Tendenz dient auch die Farbe. Sie löst sich von der gegenständlichen Bedeutung und wird zum abstrakten Mittel der farbigen Rhythmisierung des Raumes. Schließlich wird sie gebraucht, um illusionistische Raumtiefen anzustreben. Die Bilder des Wiener Malers Maulpertsch (1724 - 1796) zeigen in aller Deutlichkeit barocke Farbgebung.

In der Kunst des Empire und des Klassizismus beschränkt sich die Farbgebung im wesentlichen auf Schwarz, Weiß, Grau und wird nur spärlich durch einige Farben belebt. Diese realistisch und nüchtern wirkende Malerei wurde abgelöst durch die Romantik. Der Anfang der romantischen Bewegung ist in England bei Turner (1775-1851) und Constable (1776-1837) zu finden. In Deutschland waren Caspar David Friedrich (1774-1840) und Philipp Otto Runge (1777-1810) ihre großen Vertreter. Diese Maler verwendeten die Farbe als psychisch-expressives Darstellungsmittel, um ihren Landschaften die >Stimmung< zu geben. Beispielsweise setzte Constable das Grün nicht als einheitliche Farbe auf die Leinwand, sondern er löste es auf in feinste Stufen von hellen und dunklen, kalten und warmen, stumpfen und leuchtenden Tönen. Dadurch wirkten die Farbflächen lebendig und geheimnisvoll. Turner hat farbige Kompositionen von gegenstandsloser Abstraktion gemalt, die ihn als ersten >Abstrakten< unter den europäischen Malern gelten lassen.

Delacroix (1798-1863) sah in London die Bilder von Turner und Constable. Er war sehr beeindruckt von der Farbigkeit dieser Gemälde. Zurückgekehrt nach Paris übermalte er seine Bilder in diesem Sinn und erregte im Salon de Paris 1820 größtes Aufsehen. Er hat sich bis an sein Lebensende eingehend mit Farbproblemen und Farbgesetzen beschäftigt.

So kann man feststellen, daß zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts ein allgemeines Interesse für die Farbe in ihrer Wirkung und Gesetzmäßigkeit bestand. Philipp Otto Runge veröffentlichte seine Farbenlehre mit der Farbkugel als Ordnungsform im Jahre 1810. Goethes großes Werk über die Farben erschien ebenfalls 1810. Im Jahr 1816 veröffentlichte Schopenhauer seine Arbeit »Das Sehen und die Farben«. 1839 hat der Chemiker und Direktor der Gobelin-Manufaktur in Paris, M.E. Chevreul (17891889), sein Werk >De la loi du contraste simultané des couleurs et de l'assortiment des objets coloriés< veröffentlicht. Diese Arbeit wurde zur wissenschaftlichen Grundlage für die impressionistische und neoimpressionistische Malerei. Die Impressionisten gelangten durch ein intensives Naturstudium zu einer ganz neuen Farbigkeit. Durch das Studium des Sonnenlichtes, welches die Lokaltöne der Naturobjekte farbig verändert, und durch das Studium des Lichtes in der atmosphärischen Welt der Landschaften kamen die impressionistischen Maler zu neuen wesentlichen Gestaltungen. Monet hat diese Phänomene so gewissenhaft erforscht, daß er für die Darstellung einer Landschaft zu jeder Tagesstunde eine neue Leinwand benötigte, weil mit dem Gang der Sonne und dem dadurch bedingten Wechsel der Farbe des Lichtes und den sich verändernden Reflexfarben nur auf diese Weise die jeweilig wahre Wiedergabe möglich war. Den besten Beweis für diese Arbeitsweise geben uns seine Kathedralbilder, die im Impressionisten-Museum >Jeu de Paume< in Paris ausgestellt sind.

Die Neo-Impressionisten lösten die Farbflächen in einzelne Farbpunkte auf. Sie sagten, daß jede pigmentäre Mischung die Kraft der Farben breche. Die Punkte der reinen Farben sollten erst im Auge des Bildbetrachters zur Mischung kommen. Als theoretische Grundlage für diese Farbzerlegungen war den Impressionisten und Neo-Impressionisten die Farbenlehre von Chevreul eine nützliche Hilfe.

Von den Impressionisten ausgehend, gelangte Cézanne zu einem logisch entwickelten farbigen Aufbau seiner Bilder. Er wollte aus dem Impressionismus etwas >Solides< machen, seinen Bildern sollte eine farbige und formale Gesetzmäßigkeit zugrunde liegen. Abgesehen von rhythmischen und formalen Leistungen, hat Cézanne in der Farbgebung die pointillistische Methode der Auflösung zurückgeführt zu in sich modulierten geschlossenen Farbflächen. Unter Modulierung einer Farbe verstand er deren Variationen nach Kalt-Warm, Hell-Dunkel oder Stumpf-Leuchtend. Durch diese Modulierungen auf der ganzen Bildfläche erreichte er neue, lebendig wirkende Bildklänge.

Tizian und Rembrandt hatten sich damit begnügt, die Gesichter oder Figuren farbig zu modulieren, während Cézanne das ganze Bild formal, rhythmisch und farbig einheitlich durchbildete. Im Stillleben >Äpfel und Orangen< ist diese neue Einheitlichkeit deutlich abzulesen. Cézanne wollte die Natur auf einer höheren Ebene neu gestalten. Dazu bediente er sich vor allem des musikalisch, ätherisch wirkenden Kalt-Warm-Kontrastes. Cézanne und nach ihm Bonnard haben Bilder gemalt, die ganz auf der Kalt-Warm-Wirkung aufgebaut sind.

Henri Matisse (1869-1954) hat auf die Modulierung der Farben verzichtet und von neuem einfache, leuchtende Farbflächen in expressiver Weise zueinander in ein subjektiv gefühltes Gleichgewicht gebracht. Er gehörte mit Braque, Derain und Vlaminck zu der Pariser Gruppe der >Fauves<.

Die Kubisten Picasso, Braque und Gris benützten die Farben als Hell-Dunkel-Werte. Ihr Hauptinteresse galt der Form. Sie lösten die Gegenstandsformen in abstrakt geometrisierte Bildformen auf und erhielten durch die Tonwertstufungen reliefartige Wirkungen.

Die Expressionisten Munch, Kirchner, Heckel, Nolde und die Maler des >Blauen Reiter<, Kandinsky, Marc, Macke, Klee, wollten der Malerei wieder einen psychisch-geistigen Gehalt geben. Verinnerlichtes und vergeistigtes Erleben in Formen und Farben darzustellen, war Ziel ihres malerischen Schaffens.

Kandinsky begann um 1908 gegenstandslose Bilder zu malen. Er sagte, daß jede Farbe ihren eigenen geistigen Ausdruckswert besitze und deshalb die Möglichkeit gegeben sei, auch ohne Gegenstandsbedeutung geistige Wirklichkeiten zu gestalten.

Um Adolf Hölzel sammelte sich in Stuttgart ein Kreis von jungen Malern, die seine Vorträge über Farbenlehre hörten. Diese Farbenlehre war aufgebaut auf den Erkenntnissen der Farbenlehren von Goethe, Schopenhauer und Bezold.

An verschiedenen Orten Europas haben zwischen 1912 und 1917 Künstler, unabhängig voneinander, gearbeitet, deren Werke unter dem Sammelnamen >Konkrete Kunst< zusammenzufassen sind. Zu diesen Malern gehören Kupka, Delaunay, Malewitsch, Arp, Mondrian und Vantongerloo. In ihren Bildern werden ungegenständliche, meist geometrische Formen und reine Spektralfarben wie real erfaßbare Objekte gestaltet. Die verstandesmäßig erfaßbaren Formen und Farben sind Gestaltungsmittel, die eine klare Ordnung im bildnerischen Aufbau gestatten.

Die Surrealisten, Max Ernst, Salvador Dali und andere, haben die Farben als Ausdrucksmittel verwendet, um ihre >Unwirklichkeiten< malerisch zu realisieren.

Die Tachisten sind die >Gesetzlosen<, sowohl in der Form wie in der Farbe."