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Aus: Johannes Itten, Kunst der Farbe, S. 34 f.

Der Farbe-an-sich-Kontrast

ist der einfachste der sieben Farbkontraste. Er stellt an das Farben-Sehen keine großen Ansprüche, weil zu seiner Darstellung alle Farben ungetrübt in ihrer stärksten Leuchtkraft verwendet werden können.
So wie Schwarz-Weiß den stärksten Hell-Dunkel-Kontrast zum Ausdruck bringt, ergeben Gelb, Rot, Blau den stärksten Ausdruck des Farbe-an-sich-Kontrastes (Abb. 4). Zu seiner Darstellung sind mindestens drei klar voneinander abstehende Farben notwendig. Die Wirkung ist immer bunt, laut, kraftvoll und entschieden. Die Stärke der Farbe-an-sich-Kontrast-Wirkung nimmt ab, je mehr sich die verwendeten Farben von den drei Farben erster Ordnung entfernen.

So sind die Farben Orange, Grün, Violett schwächer in ihrem Charakter als Gelb, Rot, Blau. Die Wirkung der Farben dritter Ordnung ist noch undeutlicher. Wenn die einzelnen Farben mit schwarzen oder weißen Linien voneinander getrennt werden, treten sie noch stärker als besondere Charaktere hervor. Ihre Überstrahlungen und gegenseitigen Beeinflussungen werden dadurch weitgehend unterbunden. Jede Farbe bekommt einen realen, konkreten Wirkungswert. Wenn der Dreiklang Gelb, Rot, Blau auch den stärksten Farbe-an-sich-Kontrast enthält, so lassen sich selbstverständlich alle reinen, ungebrochenen Farben zu diesem starkfarbigen Kontrast zusammenstellen (Abb. 6).
Eine große Zahl von völlig neuen Ausdruckswerten erhält der Farbe-an-sich-Kontrast durch Veränderung der Hell-Dunkel-Werte (Abb. 7).

Außerdem können die Mengenverhältnisse der Farben verschoben werden. Die Zahl der Variationen ist sehr groß, und dementsprechend sind auch die Möglichkeiten des unterschiedlichen Ausdruckes. Ob Schwarz und Weiß als wichtige, quantitativ größere oder kleinere Farbflächen in den Gesamtklang als Farben einbezogen werden, hängt vom Thema und subjektiven Geschmack des Künstlers ab. Wie in den Abbildungen über die Wirklichkeit und Wirkung der Farben gezeigt wird, schwächt Weiß die Leuchtkraft der Farben und macht sie dunkler, Schwarz steigert die Leuchtkraft und läßt die Farben heller wirken. Dadurch werden Weiß und Schwarz zu wichtigen Faktoren in der farbigen Komposition (Abb. 5).
Die Übungen könnten auch in freien beliebigen Flächen entwickelt werden. Dieses Vorgehen würde aber eine große Gefahr bringen. Der Übende würde sofort anfangen, Formen zu suchen, statt Fleckenintensitäten und farbige Spannungen zu studieren. Er würde Flecken zeichnen, aber dieses zeichnende Malen ist der Feind alles farbigen Gestaltens und sollte unbedingt vermieden werden. Daher sind hier für alle Übungen einfache Band- oder Schachbrettformen verwendet.

Die Übung Abb. 8 zeigt eine Schachbrett-Aufteilung in Gelb, Rot, Blau, Weiß und Scharz.  Der Übende muß die Farben in zwei Raumrichtungen entwickeln, wodurch das Gefühl für farbige Fleckenspannungen verstärkt wird.
Abb. 9 zeigt Farben höchster Leuchtkraft mit Aufhellungen, Verdunkelungen, Weiß und Schwarz. Wenn die Akkordbildung Abb. 6 entwickelt worden ist, kann der Lernende auch eine Komposition mit den Farben höchster Leuchtkraft ausarbeiten, wie in Abb 10.

Sehr interessante Lösungen ergeben sich, wenn man eine Farbe als Hauptfarbe betont und die anderen in geringen Quantitäten nur als Akzente beifügt. Durch die Betonung einer Farbe wird der expressive Charakter erhöht. Es ist zu empfehlen, nach jeder geometrischen Übung freie Kompositionen in dem entsprechenden Kontrastcharakter zu machen.

Viele Themen der Malerei können im Farbe-an-sich-Kontrast zur Lösung gebracht werden. Buntes Leben aus urtümlich leuchtender Kraft ist der Ausdruck des Farbe-an-sich-Kontrastes. Die ungetrübten Farben erster und zweiter Ordnung haben immer einen Charakter von kosmisch uranfänglichen Lichtkräften und zugleich von materiell festlichen Wirklichkeiten. Deshalb können sie ebensogut für eine himmlische Krönung wie für ein realistisches Stillleben sinnvolle Verwendung finden.

In der Volkskunst verschiedenster Völker ist der Farbe-an-sich-Kontrast zu finden. Bunte Stickereien, Trachten und Keramiken geben Zeugnis von der natürlichen Freude an farbigen Wirkungen. In der frühmittelalterlichen Buchmalerei wurde der Farbe-an-sich-Kontrast vielfach variiert verwendet, wenn auch weniger aus geistig notwendigen Motiven, als aus Freude an seiner dekorativen Buntheit. In der Glasmalerei ist er ebenfalls sehr häufig zu finden, seine urtümliche Kraft behauptet sich selbst gegenüber der plastischen Architekturform.

Stefan Lochner, Fra Angelico, Botticolli u. a. haben ihre Bilder auf dem Farbe-an-sich-Kontrast aufgebaut.
Wohl das großartigste Beispiel für seine sinnvolle Verwendung ist Grünewalds >Auferstehung<. Hier entfaltet der Kontrast seine universalistische Ausdruckskraft. Sogar im Bild >Beweinung Christi< von Boticelli in der Münchner Pinakothek erlaubt der Farbe-an-sich-Kontrast die Möglichkeit, die allumfassende Größe des Vorganges zu charakterisieren. Die Totalität der Farben symbolisiert den kosmisch bedeutsamen Augenblick des großen Weltgeschehens.

Es läßt sich erkennen, daß die Ausdrucksmöglichkeiten jedes einzelnen Farbkontrastes sehr verschiedenartig sein können. Der Farbe-an-sich-Kontrast kann sowohl laute Fröhlichkeit wie tiefe Traurigkeit, kann irdische Primitivität und kosmische Universalität zum Ausdruck bringen.
Unter den modernen Malern haben Matisse, Mondrian, Picasso, Kandinsky, Leger und Miró sehr oft im Farbe-an-sich-Kontrast komponiert. Ganz besonders Matisse hat viele seiner Stilleben und Figurenbilder in der Buntheit und Kraft dieses Kontrastes ausgeführt. Ein gutes Beispiel dafür ist sein Frauenporträt >Le collier d'ambre<. Matisse malte dieses Bild in den reinen Farben, Rot, Gelb, Grün, Blau, Rotviolett, Weiß und Schwarz. Dieser Farbklang diente ihm als expressive Charakterisierung eines  jungen, sinnlich lebendigen und klugen Wesens.

Die Maler des >Blauen Reiters<, Wassily Kandinsky, Franz Marc und August Macke, haben in ihrer Frühzeit fast ausschließlich mit dem Farbe-an-sich-Kontrast gearbeitet.

Aus der großen Zahl von möglichen Beispielen für den Farbe-an-sich-Kontrast empfehle ich die folgende Bilder:
"Die Kirche von Ephesus" aus der Apokalypse von St. Sever (11. Jhdt.),
"Die Krönung Mariä" von Enguerand Acharonton (15. Jhdt.),
"Ausritt zur Maifeier" aus "Les très riches heures du Duc de Berry" von Paul Limburg (1410)
"Komposition 1928" von Piet Mondrian (1872-1944)