Auszug aus dem Geschriebenen der Jetztzeit

Sie arbeitete an einer breiten Palette des Themas „Farbe“. Nicht so sehr die Farbe als Baustoff, sondern eher die Farbe als Sinnesempfindung. Natürlich interessierten sie auch die Farbharmonien, der Farbton und seine Klangfülle.
Bei Rothko interessierte sie der Farbraum.
Bei Itten, Albers und Kandinsky die Farbsystematik und Farbwirkung. Bei Scholem interessierte sie die jüdische Farbensymbolik:
Bei Anton Stankowski ging es ihr um den praktischen Umgang mit den Sinnesempfindungen.
Bei Seitter interessierte sie die philosophische Verortung, in welches Gebiet denn überhaupt die Beschäftigung mit den Farben gehört.
Bei Derek Jarman interessierte sie der Zusammenhang zwischen der Sprache der Farben und ihrem Klang: mit Worten Farben malen.
Der Farbe Weiß näherte sie sich mit Herman Melville.
Das Westbam-Buch versprach ein Hit zu werden. Sie interessierte sich für das Pop-Phänomen insofern, wie es massenmediengerecht vermarktet wurde und welche Rückwirkungen dies auf die Verkaufszahlen haben würde.

Sie trank seit vier Tagen keinen Alkohol mehr. Sie versuchte den langen Atem wiederzugewinnen. Sie wollte ins Präsens vordringen. Geht das so einfach?

Sie machte schreibende Gehversuche. Die Farben sollten dabei ihr Thema sein wie der Wechsel der Jahreszeiten.
Ein Dichterfreund schrieb eine Karte, worauf die Dürre des Sozialen verzeichnet war. Sie sandte ihm als Antwort einen Auszug aus dem Jetztzeitgeschriebenen. Ein Komisches Wort, dachte sie. Das Jetztzeitgeschriebene war immer dann unterbrochen, wenn sie den Stift hob. Jeder Gedanke ein Absatz, ein Perspektivenwechsel.
Schreibend wollte sie etwas herausarbeiten, von dem sie nicht wußte, wie es auszusehen hätte, geschweige denn, wie es umzusetzen wäre. Und so zeichnete sie weiter Gedankenlandschaften.

Die Buci-Glucksmann-Übersetzung näherte sich ihrem Ende.
Die Vorbereitungen zum Thema Farbe für ihre Gastprofessur waren gediehen.
Der Derrida-Text sollte nächste Woche ausgeliefert werden.

Sie hatte den Eindruck gewonnen, sie solle besser nachdenken und weniger reden. [Konrad Balder] Schäuffelen, Künstler und Psychoanalytiker aus München, steuerte eine Farbenpsychologie bei: Wer hat Angst vor Rot, Gelb, Blau?
Derjenige, der dieses Bild zerstört, lautete seine Antwort in der Süddeutschen Zeitung vom 26.3.1997. Sie zeichnete in Gedanken ein Dreieck aus Psychiatrie, Farben und München.
Reinhard Voigt hatte ihr eine Blumenvase geschickt.
Die Nachbarin hatte ihr gelbe gefüllten Tulpen geschenkt.
Nun konnte es Ostern werden.

Im Frontpage war eine Doppelkritik von Mix, Cuts & Scratches erschienen. Goetz wurde darin als Gläubiger bezeichnet, der seine Erfüllung in der Anhimmelung von Westbam fand, und das Buch wurde als ihr gemeinsames Kind angesehen. Der Kritiker hatte diese Junggesellen-Maschine glänzend beschrieben.
Es war Karfreitag. Die Verlagsloft war unbeheizt und sie sah im Fernsehen Das Alte Testament von John Huston. Sie hätte gerne mal eine gut lesbare Version des Alten Testaments gehabt. Nebenbei las sie aus Ernst Jünger’s Abenteuerlichem Herz die Seiten über die Farbe Rot und die blaue Farbe.
Jede Gegenwart ist nur Gegenwart über eine Entfernung hinweg, sagt Maurice Blanchot.

Sie genoß das Osterlamm im Kreise der Großfamilie in der Villa ihrer Schwester. Mit ihrer Mutter sprach sie über den alten Familienschmuck. Und dann ergab sich einmerkwürdiger Dialog. Sie sprach mit ihrer Mutter über die frühe Kindheit und daß sie aufgrund ihrer Contenance eigentlich nicht so eine kuschelige Mutter gewesen sei. Darauf sie bestimmt: „Ja, ich wollte ja noch nie Mutter sein.”
Und das sagt eine Mutter von 3 Kindern!

Am Ostersonntagabend schaute sie sich die Verfilmung von Vicky Baum’s Hotel Shanghai im Fernsehen an. Ihr Traumziel Shanghai war auf diese Weise näher gerückt. Nach einer wechselvollen Geschichte gehörte die Hafenstadt heute zu einer der größten Boomtowns Asiens neben Tokyo, Singapur und Hongkong mit den unangenehmen Nebenerscheinungen wie Spekulation und Korruption. Von jedem zweiten Quadratmeter, der entstand, blieb einer Leerstand. Für welche Zukunft wurde da fieberhaft gebaut? Das Geheimnis lag in seinem Handelshafen.

1. April 1997. Frühlingswetter. Die Kirschbäume blühten bereits. Die Sonne war warm. Das Fahrrad wurde vom Boden geholt und wieder flott gemacht. Mit leichter Hand hatte sie mit ihrem Compagnon einen Zeitungsartikel für DIE WELT verfaßt zur Frage eines Journalisten: Wen regt heute Philosophie an? Der Empfänger zeigte sich zufrieden. Bei einem kleinen Frühlingsspaziergang entdeckte sie ein Buchladenschaufenster zum Thema „Farbe”. Schwerpunkt: die Empfindungskraft, die Schöpferkraft, die Heilkraft der Farben Sie kaufte Rudolf Steiner’s Das Wesen der Farbe. Ein grauenhaftes Machwerk, wie sich herausstellte. Auf dem Heimweg hatte sie noch eine Weile im Café draußen in der Sonne gesessen und mit ihrem Compagnon über seine bevorstehende Reise nach Thailand und Laos gesprochen.

Binnen 2 Monaten waren die ersten Tausend Exemplare von Rainald Goetz/Westbam Mix, Cuts & Scratches verkauft.

2. April 1997. Ihr Compagnon Peter war abgereist nach Thailand. Am selben Abend hatte sie sich sinnlos betrunken in ihrem Lektüre-Club. Sie lasen Pierre Klossowski Nietzsche und der Circulus vitiosus deus.

3. April 1997. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung war auf der ersten Feuilleton-Seite eine lange Besprechung von Westbam’s Mix, Cuts & Scratches erschienen. Da aber nicht einmal der Buchtitel erwähnt war, rechnete sie sich keinen nennenswerten Verkaufserfolg aus. Am Abend ging sie mit dem Maler und Kunstkritiker Jeremy Gilbert Rolfe aus Los Angeles in den Hamburger Bahnhof, wo Thomas Schulz seine European Sculpture zeigte. Es war höherer Unsinn.

Es war still und einsam ohne ihren Compagnon. Manchmal empfand sie es auch als wohltuend, ihre Lieben in der Ferne zu wissen, damit sie wieder zu sich kam.
Bei einem Kurzbesuch von Birger [Ollrogge] im Verlag hatten sie Bücher und Artikel miteinander getauscht. Sie gab ihm den Stapel Papiere zum Thema „Weiß” zurück und er brachte ihr den Robert Ryman-Katalog von einer Ausstellung, die sie vor Jahren in der Schweiz gemeinsam gesehen hatten und die sie beide gleichermaßen beeindruckt hatte. Dann gab sie ihm den kleinen Stapel Bücher für sein Venedig-Phantasma, Henry James’ Italian Hours und Koeppen’s Venedigroman. Dazu einen Zeitungsausschnitt über [Helmut] Lethen’s Buch des Vergessens. Birger zeigte sich erfreut über die Koinzidenz, denn er hatte sich dieses Buch bereits bestellt.

Noch am selben Abend traf sie ihre alte Freundin Almuth [Carstens] im Anderen Ufer, das sein 20jähriges Bestehen feierte. Almuth erzählte munter von ihren frischen Japan-Erlebnissen. Und natürlich sprachen sie auch über ihre Lieben. In Sektlaune amüsierten sich die beiden Freundinnen inmitten einer dichtgedrängten Schwulenbar. Zum Abschied streichelte sie freundschaftlich Gerhard Hoffmann, dem Jubilar, über seinen dicken Bauch.
„Na Du bist aber frech”, protestierte er scherzend.
Im Tanzschritt trat sie mit ihrer Freundin Almuth den Heimweg an.

Am anderen Morgen plagten sie die Kopfschmerzen. Draußen war es ungemütlich kalt und naß. Auf dem Trainingsrad im Fitness-Center war ihr Herzschlag besonders hoch. In der kalten Fabriketage des Verlages hatte sie sich eine Fernsehfolge zum Thema „Farbe” angesehen. Es ging um das leuchtende, strahlende und sinnenfreudige Gelb.
In dem Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 3. April 1997 war Rainald Goetz als Sprachterrorist und Misanthrop charakterisiert worden, der die erleuchtende Wende zur Affirmation in Techno gefunden hatte, diesem „Tao des Westens”. Er galt als der eigentliche Autor des Buches.

8. April 1997. Draußen fegte ein Sturmtief mit Hagel und Gewitter durch die Stadt. Endlich hatte ihr Compagnon ein Lebenszeichen aus Thailand gefaxt. Im lila Ambiente ihres Fitness-Centers strampelten sich Frauen jeglicher Couleur und Figur zu den Klängen von Zarah Leander ab: „Eine Frau ist nur schön durch die Liebe”.

Abends strahlte der WDR eine Stundensendung zum Thema Pop – Kultur oder Lebensgefühl? aus mit einem Interview von Goetz und Westbam. Goetz hatte sich für das Interview eine schwarze Sonnenbrille aufgesetzt und eine schwarze Kapuze über den Kopf gezogen. Er sah damit aus wie ein Mittelding aus Popstar und Nonne. Seine Aussagen waren verschnitten mit Text vom Anrufbeantworter, was einen unverständlichen akustischen Salat ergab. Immerhin ließ Westbam mit unerschütterlicher Ruhe ein paar seiner spruchreifen Statements ab und der Buchtitel wurde auch für Sekunden eingeblendet. Der Tag war gerettet.

In der taz vom 11. April 1997 erschien eine ganze Seite Buchbesprechung von Mix, Cuts & Scratches unter der Überschrift „Techniker des Glücks im Zeitalter seiner akustischen Induzierbarkeit”. Und sogar in der U-Bahn leuchtete ihr das rote Plakat von Mix, Cuts & Scratches entgegen. Was für ein Glück!

Sie befand sich in der siebten Woche ohne Spritzen ihrer Nervenärztin. Das galt in ihrer Zeitrechnung als Leistung im Neuroleptika-Entzug. Sie verzeichnete keine panischen Angsteinbrüche, sogar unter der Anspannung als Alleinunternehmerin im Verlag. Die ungewöhnlich starke Presseresonanz auf ihre erste Frühjahrspublikation in diesem Jahr versetzte sie in eine Stimmung des Hochgefühls. Sie genoß den kleinen Erfolg. Und dieses Lustgefühl, das ihn begleitete. Sie hatte über Kasper König von der Städelschule und dem Portikus in Frankfurt den Kontakt zu Ralf-Rainer Rygulla, dem RockPopBestsellerautor von ACID aus den 70er Jahren aufbauen können, der bereit war zur Buchmesse in seiner nagelneuen 700-Personen-Disco eine Merve-Westbam-Party zu starten. Auf diese kleine historische Kuppelei war sie stolz, denn immerhin war ACID in den 70er Jahren, was Ecstasy in den 90er Jahren war.

Innerhalb von sechs Tagen hatte sie eine Fischvergiftung und eine Erkältung auskuriert. Aber trotz des täglichen Fitness-Trainings war ihre Gesundheit schwach. Besonders das Atmen machte ihr Schwierigkeiten. – Sie hatte Plakate für die geplante Rundreise des Verlages entworfen, hergestellt und versandt. Sie hatte die Quartalsbuchhaltung beim Steuerberater in den Zentralrechner eingegeben und den aus Frankfurt kommenden DATEV-Ausdruck in ihren Verlagsordnern abgelegt. Sie hatte daraufhin die säumigen Buchhandelskunden mahnen können. Und auf ihren Wegen der Besorgungen und Erledigungen hatte sie binnen zwei Tagen zweimal neben ihren eigenen WESTBAM-Plakaten in den U-Bahn-Wagen gestanden. War das eine Freude! Das Buch hatte ihr Glück gebracht. Nein, es hatte ihr Erfolg beschieden, der sie glücklich machte.
Eine neue Welt hatte sich erschlossen. Die Welt des Pop war heutzutage Sache cleverer Vermarktungsstrategen. Und sie verfolgte diese Tendenz in den Massenmedien. Zugleich entwarf sie ein Konzept zur Kreation eines Chart-Hits. Dann fiel ihr plötzlich ihre erste Techno-Party in Indien am Strand von Goa ein.
Ein lang aufgeschossener schwuler Holländer hatte ihr damals ein Quartier direkt am Strand bei Indern vermittelt. Mit ihm, seinem italienischem Freund, einem Koch – er selbst verdiente sich sein Geld mit Telefon-Sex – und einer heroinsüchtigen amerikanischen Schriftstellerin waren sie im Dezember 1995 abends losgezogen zu einer der berühmten Goa-Techno-Parties. Auf dem kilometerlangen Weg dorthin sahen sie Freaks jeden Alters, die sich aus der weiträumigen Umgebung auf Fahrrädern, mit Rikschas, auf Motorrädern oder in Taxis auf den Weg zu diesem Ereignis machten. Am Ende waren sie sicherlich 1000 Menschen, die sich durch ein schmales Eingangstor den Weg zum Musikereignis unter den Palmen am Strand bahnten. DJs aus London, USA und Berlin legten auf. Hier wurde Musikgeschichte geschrieben.

Vor dem Eingang mindestens ein Quadratkilometer ausgebreitete Tücher auf dem nackten Erdboden, die „Teestuben” der indischen Frauen, bei denen sich die drogierten Weißgesichter zur Pause entspannt niederlassen konnten unter freiem Sternenhimmel. Welch eine Wohltat. Wenn sie dagegen bedachte, wie rauh das Klima der Berliner Techno-Szene war. Da mußte man sich erst über unwegsames Baugelände oder Niemandsland seinen Weg in die Ruinen des Industriezeitalters bahnen. Und dann stand man da in verrauchten dröhnenden Hallen in der dichtgedrängten Menge.

Sie hatte die Copyright-Fragen für eine Neuausgabe des Jaspers-Textes über Strindberg und Van Gogh bis zur Vertragsabschlußreife gebracht. Darauf war sie stolz. Immerhin hatte sie diesen seit 10 Jahren vergriffenen Text ausfindig gemacht und über einen Freund dazu ein französisches Vorwort von Maurice Blanchot zugespielt bekommen. Und trotzdem ging der eigentliche Impuls zu diesem Buch von der Lektüre von Rainald Goetz’ Roman Irre aus, der ihre ganze Psychiatrieerfahrung hochgespült hatte. Und sie erinnerte sich ihrer eigenen Schizophrenie, wie sie über Wochen sich in der schwierigen Rolle zwischen „Zweitkörper des Kaisers von China” und „Geheimauftrag der NASA” bewegt hatte. Aber mit ihrem Gartentext war ihre Verarbeitung des Jahres 1989 ja festgehalten und in diesem Jahr zu ihrem Erfahrungsabschluß gekommen.

Ihr Compagnon hatte aus Laos ein Fax geschickt. Darüber war sie überglücklich. Er war den Mekongfluß hinabgeschippert. Sie beneidete ihn um diese Erfahrung und doch hätte sie nicht mit ihm tauschen wollen.
4 Jahresfeier des E-Werks: Sie blieb fünf Stunden auf der Party, sprach mit Westbam, der sich über die rege Presse freute, schäkerte tänzelnd mit Gerhard Hoffmann und seinem schwulen Freund, wechselte ein paar Worte mit dem E-Werk-Chef Ralf Regitz und freute sich, die Mediamorph-Leute wiederzusehen. Noch den ganzen nächsten Tag vibrierte der Körper.

Eine arbeitsreiche Woche lag hinter ihr. Sie hatte in Kassel ihre ersten Kurse zum Thema Farbe abgehalten. Sie hatte aus Derek Jarman’s Buch Chroma das erste Kapitel über „Weiß” lesen lassen und anschließend seinen letzten Film Blue gezeigt. Erschöpft und erleichtert war sie daraus hervorgegangen. Auf der Rückreise im Zug hatte sie bloß so hinausgeschaut auf die grüne Landschaft und geträumt.
Entspannt kam sie in Berlin an und binnen 3 Stunden hatte sie am Abend noch die liegengebliebene Verlagsarbeit bewältigt. Anderntags war es schon wieder Zeit, sich für die nächste Kassler Sitzung vorzubereiten. Und dieses doppelte Arbeitspensum zwischen Verlag und Professur würde für die nächsten 3 Monate andauern. Hartes Brot. Aber die neue Aufgabe der Lehrtätigkeit reizte sie mittlerweile.

Sie fragte sich, wie prägen Farben unsere Biographie? War sie nicht durch die Tatsache, daß ihre Schwester rote Haare hatte, geprägt? Sie als die jüngere blonde Schwester mußte deshalb alle rotfarbigen Kleidungsstücke tragen, die ihrer Schwester nach damaligem Farbempfinden nicht standen.

Justus [Zielinski] war vorbeigekommen. Er hatte am Telefon erzählt, daß er beim Renovieren seiner Wohnung erst ein strahlendes Weiß, dann ein Sienagelb mit dem Schwamm auf die Wände aufgetragen hatte, so daß das Weiß noch durchschimmerte und dann ein Smaragdgrün darüberstreichen wolle, so daß die Farben in sich changieren würden. Und als er dann ihr gegenübersaß, konstatierte er bei ihr eine andere Farbigkeit. Und tatsächlich war sie abgesprungen von den harten Farbkontrasten zwischen Schwarz und Grün, Schwarz und Blau, Schwarz und Weiß. Ihre Palette hatte sich gemildert und suchte die feinen Nuancen zwischen Weiß, Gelb, Beige. Justus trug ein rotkariertes Hemd unter seinem beige V-Ausschnitt-Pullover und wechselte in dem kurzen sprunghaften Gespräch drei Mal den Sessel: Mal saß er ihr gegenüber, mal setzte er sich mit breit ausgestreckten Armen auf die Sesselreihe und mal setzte er sich neben sie. Sie kamen noch einmal auf die Farbigkeit der Smaragde zu sprechen, und sie erinnerte sich an den Smaragd-Schmuck ihrer Mutter, den sie einmal erben sollte. Die Farbe der Steine – was für ein Thema!

Sie hatte mit Kassel den Weg der Einsamkeit beschritten. Das Dozieren, der Monolog hatte begonnen, hatte eingesetzt, ohne daß sie darum gewußt hätte. Ihr Autismus durfte in gewisser Form Gestalt annehmen. Welche Rolle spielten aber dabei ihre Kunsthochschulkollegen? Alles offene Fragen. Alles war noch zu neu.

Ihr Compagnon war aus Laos zurückgekehrt und hatte ihr eine chinablaue Jacke und Frangipani-Duftöl mitgebracht. Aber es würde eine Weile dauern, bis er sich wieder auf den Verlag umgestellt haben würde und sie sich aneinander gewöhnt hätten. Nicht einmal auf die rege Presseresonanz zum Westbam-Buch konnte er sich zunächst einlassen. Also machten sie einen kleinen Frühlingsspaziergang im Viertel, an einem der ersten Tage in diesem Frühling, bei denen man plaudernd auf der Parkbank in der Sonne sitzen konnte.
Drei Wochen Verlagstätigkeit in Eigenregie lagen hinter ihr und sie war erleichtert, einen Teil der Anspannung nun wieder auf zwei Schultern verteilt zu sehen. Die Finanzsorgen waren doch immer noch drückend. Der Verlag war zwar schuldenfrei, was in diesem wirtschaftlich angespannten Zeiten schon viel bedeutete, aber trotzdem war die Finanzdecke doch recht dünn. Jedenfalls war kein Polster da, auf dem man sich hätte ausruhen können.

Die Stille der Einsamkeit war durch die Anwesenheit ihres Compagnons mit einem Schlag zu Ende. Seine ständige Musik, sein ständiger Redefluß, die Lautstärke des Fernsehers. Die berufsbedingte zeitweise räumliche Trennung wäre für sie in gewisser Weise also von Vorteil.

Die blauen Augen von Steve MacQueen in dem Western Road-Movie Junior Bonner leuchteten himmelblau.
Die Stimmungen der Farbe. Der Klang. Der Ton. Die Wirkungen auf Seele, Geist, Gemüt. Die Wirkungen auf die Wallungen des Blutes, die Reizungen der Nerven. Das Sehen der Farben als Wahrnehmungsvorgang. Das Erlernen der Farbnamen als intellektueller Vorgang. Das Sehen der Farben als Bewußtseinsvorgang oder als Empfindungsvorgang. Das Sprechen durch Farben, mit Farben oder das Farbensprechenlassen. Die Ausdruckskraft der Farben und das Wissen um ihre Wirkungen. Die Farbherstellung und der Ursprung der Farben. Die Bedeutung der Farben zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Kulturen.
Diese verschiedenen Betrachtungsweisen können verschiedenen Wissensgebieten zugeordnet werden: der Geschichte der Chemie, der Physik, der Ethnologie, der Psychologie, der Linguistik oder eben der Philosophie. Und sie begann zu dozieren:
„Nachdem wir letztes Mal aus künstlerischer Sicht, aus filmischer und biographischer Sicht einen kleinen Einstieg in die Welt der Farben gewonnen haben, wollen wir uns heute aus philosophischer Sicht dem Thema Farbe zuwenden:
Ludwig Wittgenstein’s „Bemerkungen über die Farben”
Walter Seitter’s „Schwierige Ordnung der Erscheinungen”
Derek Jarman’s Wittgenstein-Film.”

Jarman fragt sich, was Denken bedeutet und zeigt Wittgenstein in einem goldenen Käfig sitzend monologisierend. Und er zeigt die dunkle Welt, in der ein Philosoph am liebsten lebt, eine Welt ohne Tageslicht. „He hated daylight”. Die Figuren kommen aus dem Dunkel und erst im Tod wird es hell und der Himmel öffnet sich und alles wird leicht und entschwebt in die Höhe. Und er zeigt, wie Wittgenstein sich nicht damit abfinden kann, daß möglicherweise alles Denken vom Anschauen herkommt, und wie man mit Wörtern etwas in die Vorstellung zaubern kann, was es in der Anschauung nicht gibt. – Plötzlich sah sie die gelbe Farbe des Wüstensands in der Abendsonne vor sich und für einen Moment stand die Zeit still. Erleichtert atmete sie auf und lauschte dem verebbenden Chor aus „Land des Lächelns”.

Mit einem Mal hatte sich eine ganze Riechfläschchen-Batterie angesammelt. Es hatte angefangen mit Lindenblütenöl. Dann hatte sie mit ihrer Erkältung das Teebaumöl entdeckt, das die Atemwege befreite und eine belebende Wirkung auf die Augenpartie ausübte. Schließlich hatte Peter aus Laos das geliebte Frangipani-Öl mitgebracht und zwei silberne Riechdöschen unbekannten Inhalts. Eine kleine Freude kam darüber auf. Sie hatte ja sonst nichts, woran sie sich freuen konnte. Natürlich war ein Strauß Blumen unablässiger Quell der Freude. Aber das war es dann auch schon an Freuden, die sie zur Zeit kannte.

Der Unterricht vor 28 Frauen war eine durch und durch neue Erfahrung. Die Frauen wollten es genau wissen. Genauer als ihr lieb war. Man sprach in der Odyssee nicht von Farben. Man sagte „das bleifarbene Meer”, wenn man graublau meinte. Und die Morgenröte erwachte dort mit Rosenfingern, nicht rosa.
Im Grunde war sie müde und durch die Kasselfahrerei ganz aus dem Gleichgewicht gekommen. Sie fühlte sich nirgendwo mehr zu Hause, das merkte sie an der Zahnbürste, die ständig ihren Platz wechselte, aber nie dort war, wo sie sie brauchte.

Auf der 13Jahres-Feier des Ex+POP hatte sie ihre Freundin Almuth und Justus verfehlt. Auch war die Kneipe so überfüllt gewesen, daß keine Gespräche hätten aufkommen können. Nach einer Stunde Lärm und Rauch war sie erschöpft heimgekehrt, das heißt in den Verlag gegangen und hatte noch eine halbe Stunde vor dem Schlafen auf dem Musikkanal VIVA die Liveübertragung von MAYDAY zugeschaut. Am anderen Morgen legte sie den Schnelllauf des davon aufgezeichneten Videos ein und spulte die 5stündige Übertragung ohne großes Interesse ab, da von Westbam und Goetz darauf nichts zu sehen oder zu hören war. Nach einem Spaziergang in der menschenleeren trüben Stadt machte sie sich an diesem ersten Maimorgen lustlos daran, Korrektur zu lesen. Die Nebenwirkungen ihrer Neuroleptika-Spritzen machten sich mal wieder in unangenehmer allgemeiner Unruhe bemerkbar.

Sie war froh um ihre willkommene Aufnahme bei ihrer Vorstellung im Fachbereichsgremium der Kassler Professoren. Und ihr Compagnon trietzte sie auch mächtig, am Ball zu bleiben. Er merkte gar nicht, wie sie von der Doppelrolle Verlag und Hochschule belastet war.

Es war warm geworden für zwei Tage, sie hatte mit ihrem Compagnon draußen auf der Straße auf der Parkbank gesessen. Ein Moment der Ruhe. Sie hatten ein Eis gegessen, das erste in diesem Jahr, die Bäume grünten. Im Kino lief Donnie Brasco, ein Mafiafilm, ehrlich und illusionslos. Für Frauen war in dieser Welt kein Platz. Nichts Inspirierendes, eine Masche. Trotzdem, der Spaziergang in der lauen Abendluft wirkte erleichternd. Nichts Besonderes, und doch…

Das Wochenende hatte sie mit ihrem Compagnon in Petzow am Schwielowsee zugebracht inmitten einer illustren Hochzeitsgesellschaft. Die Baumblüte leuchtete ringsum. Der Blick auf den großen verträumten See ließ aufatmen. Ein Plauderstündchen am Ufer sitzen in der Abendsonne. Munteres Tanzen hernach in der ausgelassenen Gesellschaft. Schnell war das Ende der Woche erreicht. Jetzt erwartete sie noch den Abendbesuch von Walter Seitter aus Wien. Dann hieß es wieder aufbrechen nach Kassel.

Walter Seitter’s Besuch aus Wien war erwärmend und munter. Er hatte die „Wiener Geschichten” um seinen Namen, die weit über Wien hinausgedrungen waren in einem öffentlichen Streitgespräch beilegen können. Ihm war Faschismus vorgeworfen worden. Er hatte einen neuen Text über die „Widerspenstigkeit der Erscheinungen” geschrieben, der zu dem Wittgensteintext über die „Ordnung der Erscheinungen” eine willkommene Ergänzung lieferte. Auch hatte er ihr einen Hinweis auf einen Architekturaufsatz über die „Orientierung der Wahrnehmung” gegeben, so daß sie schnell im inhaltlichen Gespräch waren. In seine persönliche Farbskala aus Blau und Braun, hatte sich ein Grün eingeschlichen. Sie lachten erfreut über diese Wahrnehmung.

Die Kassler Hochschule war umgeben von einer weitläufigen grünen Aue und wenn es nicht gerade regnete oder der Rasenmäher brummte, zwitscherten die Vögel ringsum. Eine Wohltat in diesem brutalen grauen Betonbau mit endlos langen Fluren.

Auf der Zugheimfahrt nach Berlin konnte sie sich an dem jungen hellen leuchtenden Grün der Bäume und Wiesen gar nicht genug sattsehen. Unter einem blauen Himmel mit einzelnen weißen hellstrahlenden Wolken schaute sie in die Weite der Landschaft. Und als sie die Nähe Brandenburgs erreicht hatten, wußte sie, daß sie ihre Landschaft gefunden hatte oder die Landschaft hatte sie gefunden. Hier fühlte sie sich wohl auf dem gelben Sand mit den Heidesträuchern und Birken und Kiefern.

Bei ihrer Rückkehr freute sie sich, daß ihr Compagnon so gut gearbeitet hatte. Sie konnte sich auf ihn verlassen. Er war ihr eine verläßliche Stütze. Das schaffte Erleichterung. In der Klossowski-Arbeitsgruppe war sie dann vor Müdigkeit beinahe eingeschlafen.

Sie sollte lernen, daß das, was sie anderen ans Herz legen wollte, sie sich im Grunde nur selber antun konnte. Und sie hatte zum ersten Mal empfunden, wie unangenehm aufdringlich wohlmeinende Geschenke sein konnten.
Das Tempo, das sie in der Arbeit vorlegte, konnte sie unmöglich durchhalten. Aber eigentlich arbeiteten die Dinge so stark in ihr, daß sie nicht mehr merkte, wann sie erschöpft war.

Das Farbenthema wollte sie gut machen, also kniete sie sich immer wieder ein bißchen mehr hinein. Und sie merkte, wie schnell die Zeit verging. Mit einem Mal war ihre Zeit kostbar geworden und sie verschwendete auch keine überflüssigen Gedanken an Lust- oder Unlustgefühle. Was getan werden mußte, wurde getan. Basta! Kein Wenn und Aber. Dadurch verschwendete sie keine unnötigen Energien an Überwindungshindernisse. Und abends, wenn das Tagespensum erfüllt war, dann genoß sie die wohltuende Ruhe beim Schreiben. Hieraus schöpfte sie die meiste Kraft.

Sie begann wieder Tonbandaufnahmen zu machen. Überhaupt wurde die Musik wieder wichtig. In den Farben war sie rot-gelb erblüht. Sie erlebte im Vollbewußtsein ihre Reife und ihre erste Erschöpfungsphase. Wenn sie sich willentlich beim Radeln im Rücken aufrichtete, dann ging es bergauf leichter.

Sie genoß die Helligkeit am Abend. Es war bereits sechs Uhr abends und in den gegenüberliegenden Häusern der lichtdurchfluteten Fabriketage spiegelte sich die Sonne. Ein blendend helles Licht. Welcher Weitblick zum Himmel!

Die Spargelzeit war angebrochen und die ersten Stangen wurden verputzt mit unbeschreiblichem Wohlgenuß. Sie hörte das Gezwitscher der Vögel. Wie sie frohlockten und alle durcheinander sprachen. Was für eine Freude!

Da ist noch der Stift und das schöne japanische Papier, die wollen noch etwas von ihr. Was soll sie sagen? Es war ein schöner Abend im Kreise der Klossowski-Arbeitsgruppen-Freunde. Christine Karallus kam aus Essen zu Besuch und hatte Sehnsucht nach der sogenannten Boys-Group. Jeder erzählte von seinem Alltag aus unterschiedlicher Perspektive, relativ banal, aber alle waren fröhlich ausgelassen. Der gemeinsame Ton oder der Ton der Gemeinsamkeit war das Ausschlaggebende. Und nachdem sie an diesem Tage schon viele Arbeitsstationen durchlaufen hatte, war diese Endstation des Tages willkommener Entspannungsteil.

Die Kassler Theoriesitzung über die Farbenwelt von Kandinsky und Josef Albers war so glänzend verlaufen, daß die Studentinnen am Ende der Sitzung zustimmend auf die Tische klopften. Dieses Geräusch hatte sie seit ihrer Studentenzeit nicht mehr gehört. Und sie hatte es geschafft, volle 3 Stunden die Aufmerksamkeit ihrer kleinen Zuhörerschar zu fesseln. Ein Gefühl der Freude und der Zufriedenheit überkam sie. Daraufhin genehmigte sie sich ein Glas Rotwein in der kleinen Crêperie auf dem Heimweg zu ihrem Quartier.
Zur Hauptsendezeit durfte sie dann Hanns Zischler in der Rolle des Aufsichtsratsvorsitzenden im Zweiten Deutschen Fernsehen bewundern. Seine Zornesausbrüche spielte er besonders überzeugend.
Peter kam erschöpft von der viertätigen Merve-Tour durch Buchhandlung, Literaturhaus, Medieninstitut in Köln, Düsseldorf und Frankfurt zurück. Die Ton-Dia-Show des Verlages kam gut an, aber eine reine Verlagspräsentation interessierte nur ein kleines Publikum. Trotzdem war es gut, daß Peter auf diese Weise wieder einmal die auswärtigen Kontakte aufgefrischt hatte.

Mittlerweile war es Mitte Mai. Der Derrida-Band hatte gute Startverkaufszahlen aufzuweisen. Auf diese Weise sah die Finanzlage des Verlages im Frühjahr passabel aus. Immerhin waren die Vorjahreszahlen erreicht und das gesamte Vorjahr 96 lag im Vergleichsdurchschnitt eher oben als unten. Der Anteil der Barsortimente an den Gesamtumsatz-Zahlen nahm von Jahr zu Jahr zu. Das bedeutete, daß immer mehr Buchhändler die Bücher nicht mehr im Laden vorrätig hielten, sondern erst auf Kundennachfrage orderten. Sie mußte also die Leserschaft direkt ohne Umweg des Sortimenters über Presse ansprechen.

Johannes Gachnang hatte einen glänzenden Text im neuen Förg-Katalog der Galerie Hetzler über Moskau verfaßt. Jochen Stankowski hatte aus Köln einen wunderbaren Kandinsky-Farben-Katalog überbringen lassen. Im Café in der Sonne las sie versunken bei Gershom Scholem über das göttliche Saphirblau. Dabei war kaum zu glauben, daß der Saphir nur eine blaue Abart der roten Rubine war. Aber die Farbe des Steins war nur eine Metapher für die blaue Lichterscheinung Gottes. Und möglicherweise spielt der Maler Ives Klein mit seinen blauen Gasflammenarbeiten auf diesen spirituellen Hintergrund an. Gerne würde sie eine Seminarsitzung über die Farbe der Steine machen, wenn sie den Mut dazu hätte. Sie dachte an den schwarzen Marmor der Gräber und an den weißen Marmor der griechischen Statuen.

Die letzte Hausgemeinschaftssitzung hatte ergeben, daß die Verlagsräume erst in zwei Jahren von den Sanierungsmaßnahmen betroffen waren. Ein willkommener Aufschub. Auf diese Weise konnten sie noch ein wenig die Leere des Raumes atmen.

Es ist ihr bis jetzt nicht gelungen, einen Gedankengang zu entwickeln. Nicht einen über längere Zeit oder mit längerem Atem. War ein solcher erstrebenswert? Wieso kam sie darauf? Ihr Compagnon ging ihr auf die Nerven. Er stänkerte und moserte, seit er von der Merve-Tour zurückgekehrt war. Sie selbst hatte die stumpfsinnige Übellaunigkeit der Berliner gründlich satt. Und ein Scherz oder ein Lächeln fehlten ihr so sehr.
Ein langes Gespräch mit Justus am Telefon hatte sich entsponnen. Sie wollte wissen, ob er als Tuschfarbe Kobaltblau besaß. Justus bot ihr gleich einen kompletten englischen Farbkasten aus Indien zum Kauf an. Sie erzählte ihm von den farbigen Steinen im Naturkundemuseum, vom blauen Saphir, vom Türkis und Rubin, vom Lapislazuli und von seinem Smaragdgrün. Justus stieg richtig ein in das Thema und steuerte aus seiner Wissenspalette dies und jenes bei. Ob sie noch wüßte, warum der Buddha blau im Gesicht sei? Natürlich wußte sie es.

Sie saß bei Kerzenschein und spürte den Sonnenbrand auf der Haut. Müde war sie vom Picknickausflug mit Hannes Böhringer und Eva-Maria [Schön] heimgekehrt, noch die Weite der Landschaft im Blick. Ein unbeschreiblicher Pfingstsonntag. In einer guten Stunde Fahrt lag die Stadt hinter ihnen. Eva steuerte den Wagen sanft gleitend durch die Kurven. Die wechselnden grünen Bilder von Wiesen und Baumgruppen nahm sie in sich auf. An der alten Wassermühle lag das neue Anwesen ihrer Freunde. Sie hatten Bauherren-Pflichten übernommen. Mit Eva zusammen buddelten sie schnell in der leichten, Tonscherben durchsiebten Erde zwei Löcher und pflanzten zwei Kürbisse. Dann folgte ein kleiner Gang durch das Wäldchen, bis sich die Wiesen vor ihnen auftaten. Da legte Eva ein schönes weißes Tuch auf das frische Grün, sie selbst breitete ein buntes Tuch zum Sitzen aus und dann wurde der Picknickkorb ausgepackt und der Champagner geöffnet. Sie stießen gemeinsam an und plauderten munter durcheinander. Hannes lenkte ihren Blick auf die bewegten Birkenblätter.
„Ja, das ist der heilige Wind”, sagte sie einverständig.

Beiläufig zeigte sie ihrem Autor seine Auflagenzahlen, damit er überhaupt wußte, wovon sie redete. Ein Kuckkuck sang beharrlich und ein Specht hämmerte von Zeit zu Zeit. Bald war die Sonne soweit gewandert, so daß sich ihre Gesichter in der Sonne röteten. Eine menschenleere Landschaft. Und so still! – Bald stapften sie durch die Wiesen, den hohen Himmel über ihnen. Der Blick weitete sich. Und sie roch den Duft der Kiefern und des Harzes. Im Vorbeigehen pflückte sie verschiedene Gräser. Und Eva-Maria pflückte ihr einen frischen Weizenhalm dazu. Und welche Freude, wieder richtige Binsenhalme am Bachesrand zu entdecken! Das Körbeflechten aus Binsenhalmen hatte sie ihre Großmutter gelehrt, bevor sie Beerensammeln gingen. Jetzt stand er da, der Strauß aus Gräsern in der Glasvase wie ein Souvenir. In Gedanken bepflanzte sie den Garten von Eva-Maria mit roten Johannisbeeren, Erdbeeren und einem Marillenbäumchen. Und sie dachte an den Ginster, der jetzt in der Landschaft blühte. Das Dach am Haus bei der Papiermühle mußte teilweise neu gedeckt werden. Auf der Heimfahrt machten sie noch einen kleinen Stop an einem der vielen Seen und steckten wenigstens die Füße ins Wasser. Wie wohltuend weich das Wasser war! Am Ende sprachen sie doch noch über die Farbe der Steine und den blauen Saphir.

Anderntags verabredete sie sich mit Justus beim Waschcenter und er verkaufte ihr für lächerliche acht Mark einen Tuschkasten. So etwas hatte sie noch nicht gesehen. Die Farben waren von solch einer Leuchtkraft und einer dermaßen merkwürdigen Anordnung und Auswahl der Töne, daß sie aus dem Staunen nicht herauskam. Nicht nur das seltene Kobaltblau war enthalten, sondern es gab darin auch ein Türkis. Besonders das brillant Blue erinnerte an das Yves Klein Blau, obwohl Yves Klein ein tiefes Ultramarin verwandt hatte, mit einem Bindemittel, das nicht glänzte. Das war das Besondere an Yves Klein und das Gemeinsame mit diesem englischen Tuschkastenfabrikat, hergestellt in Indien, daß die Farbe selbst nicht glänzte, sondern matt war.

Mit ihrem Compagnon zusammen ordnete sie die Verlagsbücher nach Farben. Die Übergänge waren besonders schwer zu komponieren, aber eigentlich schwebten ihr keine Regenbogenfarben vor.

„Der Stein des Weisen ist blau”, hatte Andreas Hofbauer in die Buchausgabe mit Runge’s Farbenlehre geschrieben.
„Und weißt Du denn überhaupt, wie man Vermillion übersetzt, wie das Rot auf deutsch heißt?”, fragte Justus am Telefon.

Mit Barbara Feldman hatte sie einen Spaziergang im Charlottenburger Schloßgarten gemacht und anschließend bei einer Tasse Tee die wunderbaren Teppiche in ihrer Wohnung bestaunt. Und im Dämmerlicht sprachen sie bei einem Glas Portwein über das Leben.

Justus hatte eins ihrer Westbam-Plakate in der U-Bahn gesehen. Die Tatsache selber hatte ihn beeindruckt und überrascht, aber die graphische Ausführung hatte ihm nicht gefallen. Er fand die Gestaltung holprig und durcheinander und verwies auf ihre gelungene Cover-Gestaltung des Tausend Plateaus-Bandes.

Endlich war die Herbstbücherschau im Kasten. Kein so glänzendes Verlagsprogramm wie im Frühjahr, aber sie versprach sich von dem Titel Geburt des Internet einiges. Sie mußte nur die richtige Publikationsstrategie entwerfen.

Mittlerweile war es Ende Juni. Die Gastprofessur in Kassel und die Verlagstätigkeit in Berlin hatten sie völlig erschöpft. Die Arbeit vor und mit den Studenten war eine ungewöhnliche Erfahrung. Die Zeitung machte Fortschritte, die Theoriesitzungen blieben spannend. Nachdem sie die Farbe Weiß und die Farbe Blau zufriedenstellend durchgearbeitet hatte, sollte nächste Sitzung der Farbe der Steine gewidmet sein, worauf sie sich richtig freute.

Mittlerweile war auch die Entscheidung gefallen, daß ihre Gastprofessur um ein Semester verlängert worden war und sie ordnete die Dinge neu im Hinblick auf das Kommende. Stapelweise räumte sie die Bücher zum Thema Farbe beiseite, ordnete die entstandenen Papiere, um Platz zu schaffen für das neue Thema: „Das Phänomen POP”. Beim Hin-und Herräumen stellte sie fest, wie staubig ihre Wohnung geworden war.

Gern hätte sie eine Seminarsitzung von den Impressionisten bis zu den großen amerikanischen abstrakten Malern wie Rothko, Barnett Newman und Ad Reinhard gemacht. Es sind Huldigungen an die Farbe, Farbtafeln oder Tafeln mit Farben, nicht Farbflächen, sondern aufgrund ihrer großen hochformatigen Formate Farbräume, in die der Betrachter meditierend eintritt, ganz umgeben von Farbe. Orte der Stille.

Während ihrer Abwesenheit hatte Goetz im Verlag angerufen, um sie von einer laufenden Fernsehsendung über Gärten zu informieren.
Und nachdem sie bereitwillig von der Kassler documenta X berichtet hatte, konnte sie ihn für eine schnelle Zusage gewinnen, bei einer ihrer Pop-Seminarsitzungen aus seinem neuen Buch Rave vorzulesen oder aus seiner Arbeit über Jeff Koons.
Justus hatte in ihrer Abwesenheit eine Tonbandkassette für sie im Verlag abgegeben. Darauf das Hörspiel von Walter Aue Alles im Ohr. Sie notierte Zitate daraus:

„Alles war vorher, die Liebe, das Glück
und jetzt ist Nichts.
Hier sitze ich und warte.
Die Zeit zurückholend als Endlosschleife.
Zeit ist Berühren, Versuchen und Loslassen.
Ein Liebesgedicht sollte ich schreiben für Dich.
Das Hörspiel als täglicher Gebrauchsgegenstand.”

Es war Juli, genauer gesagt der 12. Juli. Love Parade in Berlin. Goetz hatte einen großartigen Text zur Love Parade im Zeitmagazin veröffentlicht: „Das Kapital des Glücks”. Der Text, eigentlich eine Erzählung, war die Frucht vieler Jahre.
Sogar das „Suicide”-Foto von der Buchpremiere mit Westbam war abgedruckt worden auf seinen ausdrücklichen Wunsch.

Am Morgen der Love Parade: Nervosität. Fieber in der Stimmung. Dann Aufbruch, Logistik: Die Schlüssel wurden auf dem Dachboden hinterlegt für jeden, der allein zurückkehren würde. Man weiß ja nie. Flotter Fußmarsch durch den Tiergarten. Noch ist es früh und noch ist es frisch.
Am großen Stern Hektik. Die Wege trennen sich. Sie rennt in Panik durch das Grün heimwärts. Dort TV non stop, erst B1 Sender, dann ORB, wo Mix, Cut & Scratches verlost werden und WESTBAM im Strahlenglanz mit Büste zu bewundern ist, dann 5 Stunden VIVA-Musikkanal. Die Menschenmenge, rund eine Million, wird enger und dichter. Sie spürt die Panik sogar durch den Fernseher hindurch. Die Umzugswagen bleiben in der Menge stecken. An der Siegessäule beginnen die DJs Musik aufzulegen. Die Sonne geht allmählich unter. Westbam hat sich einen Weg bahnen können und legt zum Abschluß der Love Parade 1997 an der Siegessäule Musik auf. Die Menge tobt.

Sie stellt den Wecker zur Frühlocation. In der Arena angekommen, VIP-Karten holen und schon ist sie in der Escobar und Westbam begrüßt sie gut gelaunt und entspannt. Ein paar Highlights werden ausgetauscht, dann geht Westbam ab in die Arena und schleust sie mit auf die Bühne. Auf dem Weg durch die tanzende Menge begegnen sie dem tanzenden schwitzenden glücklichen Goetz. DJ Cox legt noch auf. Dann tanzen auf dem Gerüst der Bühne vor der ekstatischen Menge. Bill bringt ein Bier, sehr freundlich. William [Röttger] schießt ein Foto. Africa Bambaata quält sich behäbig die Bühnentreppe hinauf. William organisiert einen Stuhl für ihn, viel zu klein. Westbam übernimmt das Steuerruder der Menge. Sie tanzt lockerer. Goetz reicht ihr einen Schluck Bier aus seinem Becher. Wer hätte das gedacht! Hier stehen im Kreise ihrer Lieben, glücksstrahlend. Welch ein Ereignis. Sie war mit dem Motto aufgebrochen: „Nichts erwarten” und trat hinaus in den strahlenden Morgenhimmel an der Spree hochbeglückt und mit mehr beschenkt, als sie je hätte träumen können. Welch ein Lohn! Noch morgens um 10 Uhr saß sie im sonnendurchfluteten Verlagsloft, trank ihren Kaffee und lächelte beseelt.

Es war der 12. Juli 1997, Hochsommer.
Sie las wieder und wieder Goetz’ Text-Erzählung aus dem Zeitmagazin.
Und sie mußte sich die Frage gefallen lassen, wo sie denn eigentlich die ganzen Jahre über gewesen war oder geblieben sei oder gesteckt hatte.
Diskursobsession? Sie versuchte sich zu erinnern:

Goetz’ Geschichtsschreibung setzte 1989 ein, ihre 1986 mit Tschernobyl und der Reise nach Ungarn, mit dem Wasserbehälter im Auto, für den Fall, daß alles verstrahlt sei. Dort in Budapest brach ihr körpereigener Wasserhaushalt zusammen und der erste Schub brach mit Macht herein. Erschöpfung, unglückliche Liebe, midlife-crisis.
Buchtitel des Verlages in jenem Jahr: Paul Virilio Ästhetik des Verschwindens.
Frühjahr 1989 dann, nach langer Inkubationszeit, Flucht aus Berlin und endgültiger nervlicher Zusammenbruch. Garten, Stille, Abwesenheit.

– 1991 Zizek Liebe Dein Symptom wie Dich selbst, erste publizistische Aufarbeitung
– 1992 Baudrillard Transparenz des Bösen, ihr Mafia-Trauma
– 1993 Deleuze Proust und die Zeichen, ihr Interpretationswahn
– 1993 Heinz von Foerster KybernEthik, der Versuch, die Wahrnehmung umzukehren
– 1993 Jabès Der vorbestimmte Weg, Annehmen des eigenen Schicksals und Ende der Wurzelsuche
– 1994 Rosset Das Prinzip Grausamkeit, der Versuch, den Schleier der Illusion zu durchbrechen und ins Reale wieder vorzustoßen
– 1994 Baudrillard Die Illusion des Endes, eine andere Illusionsvariante und die Erkenntnis: das Ende vom Lied findet nicht statt
– 1994 Dirk Baecker Postheroisches Management, mit diesem Buch meldet sie sich gesundet zurück in der Wirklichkeit und mischt sich wieder ein
– 1995 Heinrich Schliemann Reise durch China und Japan im Jahre 1865, das publizistische Ergebnis ihrer 10-jährigen Japan-Reise-Tätigkeit und eine Hommage an ein besonderes Unternehmertum
– 1995 You Can’t Judge a Book by its Cover, die Stimmen ihrer 25-jährigen Verlagstätigkeit
– 1995 Jarman Chroma, nach den Steinen und den Pflanzen erwacht wieder der Sinn für die Farben
– 1995 Gracián Klugheitslehre: militia contra malicia, der Abschluss ihrer Jurorentätigkeit in Sachen „Design” und ein Beitrag zu den Stichwörtern Barock und Renaissance.

Sie konnte die Geschichte nur anhand ihrer publizistischen Taten ablesen. Immerhin hatte sie der 10-jährigen Krise einige Bücher abgerungen. Der Rest war das Werk ihres Compagnons.
– “Diskursobsession”?
– Durchlebtes Leben. Gelobtes Leben.

Sie notierte Wortschöpfungen und Satzfragmente aus Goetz’ Zeitmagazin-Text
DAS KAPITAL DES GLÜCKS:
“- Dann wurde es Juli … Es ist Juli geworden.
– der gezinkte Takt
– in biblischer Grundsätzlichkeit „ja”.
– Antwortort
– das hochnervöse Neu-Organ, das die Realität dauend fahrig suchend durchzuckt
– Wahnsinn. Irrsinn. Madness
– ausgebrannte Staatsruine – das Ministerium der Liebe
– die unglücklichen Kreaturen, all die Mühseligen und Beladenen, die massenhaft Stumpfen, Trostlosen, Kaputten und Verblödeten, die auch mitstampfen dürfen
– von Weltangst gelähmt
– das Sozialexperiment Dance ist nun auch Wirtschaftsfaktor, genauso wie es immer noch Ideenträger ist und Vision
– das eine Lied, das einem gilt und dadurch gehört
– mitwirken daran, daß es eine neue Welt gibt – die rituelle Struktur.”

Anderntags kaufte sie den diesjährigen Chart-Hit von Westbam Sonic of Empire von den Members of Mayday und die offizielle Love-Parade-97-Compilation mit dem Motte/Westbam-Hit Let the sunshine in your heart.
„Die Musik ist der mächtigste Katalysator der Freude“, schreibt Clément Rosset in dem druckfertigen Merve-Buch Die Wahl der Worte.

Mit einiger Zielstrebigkeit hatte sie zwei Bücher und einen Gesamtprospekt druckfertig gemacht, denn sie konnte die Urlaubszeit gar nicht mehr erwarten, so erschöpft und erholungsbedürftig war sie.

Es war Ende Juli. Sie hatte fast jeden Tag daran gedacht zu schreiben, aber ihr  fehlten die Worte zu diesem merkwürdigen Zwischenstadium. Im Verlag wurde  alles soweit fertiggemacht, daß sie getrost zwei Wochen Urlaub genießen konnten.  Innerlich stellte sie sich auf die Askese-Kur in Indien ein. Sie las zur Einstimmung  Comte-Sponville’s Ausführungen über die Tugend der Mäßigung. Ein Apell an die  Genügsamkeit.
– Sie hatte sich bei ihrer Nervenärztin eine Neuroleptika-Spritze geben lassen, weil  die Ängste wieder einsetzten.
– Sie hatte eine neue Fotokamera mit Makroobjektiv angeschafft und in  Vorbereitung auf das Kassler Winterseminar in Betrieb genommen. Ansonsten schob sie die Vorarbeit für ihr Pop-Seminar noch beiseite.

– An wen richtete sich ihre Schreibe?
– Gute Frage.
Von dem Aufenthalt in Indien erhoffte sie sich eine Wende, eine Abwende.

Sie hörte seit langem mal wieder die Callas in der Rolle der Butterfly. Und es stellte  sich ein Gefühl der Weite und Erhabenheit ein. Und sie blätterte noch einmal im   Westbam-Buch und las hier und da einen Satz oder Absatz und freute sich über das gelungene Buch.

Eine große Unruhe hatte sie mal wieder als Nebenwirkung ihrer Neuroleptika-Spritze über sich ergehen zu lassen. Manchmal dauerten diese hauptsächlich motorischen Störungen über eine Woche. Dann konnte sie nicht  ruhig sitzen, nicht ruhig liegen und im Verlag eigentlich nur wie ein Tier im Käfig  auf- und abgehen. Ein unbeschreiblicher Zustand. Und sie wußte keine Abhilfe. Die Parkinson-Tabletten, die diese Störungen lindern sollten, hatten überhaupt keine  Wirkung und so quälte sie sich irgendwie, ohne Abhilfe, durch diese leidigen Tage.

Allmählich suchte sie ein paar Buchtitel aus dem großen Stapel zum Thema Pop heraus, die sie in Indien näher in Augenschein nehmen wollte. Irgendetwas  sträubte sich bei ihr dagegen. Sie mußte nämlich mangels Textlage eigene  Analysekriterien sich erarbeiten, und sie wußte, welche Berge Arbeit ihr  bevorstanden, dazu noch Bildmaterialbeschaffung. Sie wußte also nicht, wie sie an  das Thema herangehen sollte, da der wesentliche Anteil ihrer Arbeit in der Bildbeschreibung liegen würde.
Das Gespräch mit Frau Flusser, der Witwe und Archiv-Verwalterin von Vilém Flusser, hatte sie hellhörig gemacht. Eine so sanfte und so wache Stimme, die sich ernstlich nach ihrer Gesundheit erkundigte. Das war wie ein Alarmzeichen, höchste Zeit für Erholung! Warum mußte sie auch immer alles bis zur Erschöpfung treiben und konnte nicht mit ihren Kräften haushalten? Sie war tatsächlich in einem  katastrophalen Zustand.

Hans-Peter Kuhn hatte anfragen lassen, ob sie bereit wäre, ihn zu interviewen, zu seiner Arbeit als Komponist und Künstler: zum Thema Zeit.
Wie lange es gebraucht hatte, bis zu seiner heutigen Position?
Inwiefern sich das Tonmaterial geändert hat?
Inwiefern sich die Tontechniken geändert haben.
Sein Sounddesign ist ein Raumdesign.
Die Länge der Stücke.
Wie viele Töne übereinander oder nebeneinander?

Sie begann erst einmal damit, alle Tonbandkassetten, CDs und Bilder  herauszusuchen, die sie von Hans-Peter Kuhn besaß. Immerhin kannte sie ihn und seine Performances und Klanginstallationen schon mehr als 15 Jahre.

3. August, Goa, Indien

19. August 1997. Henning Schmidgen hatte ihr seinen Text über Einfühlung und Ausfühlung mitgebracht, der durchaus psychologisch-therapeutische Wirkungen zeitigte bzw. ihre ganze Aufmerksamkeit beanspruchte.
Hier einige Zitate daraus:

„- Das eigene Ich versetzt sich gewissermaßen in den fremden Körper hinein, projiziert sich in das äußere Objekt, ‘objektiviert’ sich dort und kann in einer Art Mit- und Nachvollzug der wahrgenommenen Gesten und Laute Erlebniszustände des anderen erfassen.
– die Neigung, das Gesehene und Gehörte in etwas Gefühltes umzusetzen
– Der Einfühlungsdrang habe ein glückliches, pantheistisches Vertraulichkeitsverhältnis zwischen dem Menschen und der Welt zur Voraussetzung.
– Der natürliche Solipsismus, der dem Menschen insofern eigen ist, als das Bewußtsein der eigenen Realität bei ihm stärker ausgeprägt ist als das Bewußtsein der Realität anderer.
– Die Einfühlung ist keine Selbst-Objektivierung, sondern eine Selbst-Spiegelung.
– … daß das Erzählte nur insofern erfaßt wird, als es sich den Schemata des Eigenen, Bekannten und Erlebten subsumieren läßt …
– Einen anderen erfaßt das Ich demnach als anderen erst dann, wenn es die Wesensidentität zu ihm überschreitet und seine Wesensverschiedenheit erkennt und anerkennt.
– Es kommt ihm eben dort am nächsten, wo der andere am entferntesten ist.
son refus de répondre est un élément de la réalité dans l’analyse … dieses non-agir ermöglicht es ihm, seine ‚Aufzeichnungsrolle’ zu spielen
– Max Scheler “Wesen und Formen der Sympathie”, Gesammelte Werke Bd. 7
– Paranoia ist die Warnung vor toute tentative de compréhension hasardée
– … nachahmende Vorstellung …einfühlsames Ausdrücken …
– …ob dabei nicht vielmehr nur nach außen gewendet wird, was vorher schlicht empfangen wurde …
– Die Auffassung, die Einfühlung sei eine Art kreative und produktive Aktivität
No passion of another discovers itself immediately to the mind (Hume)
– das unmittelbare Mitfühlen ermöglicht es, Neigungen und Gefühle zu kommunizieren.
– Sympathie ist weniger ein Gefühl, keine Handlung, sondern eher ein Prinzip, das allgemein erklärt, wie Gefühle und Meinungen von einem Individuum dem anderen übermittelt und übertragen werden können.
– … daß Gestalten bildnerische Wirkungen auf Organismen haben können …
– … die desillusionierende, ent-täuschende Arbeit gegen das Imaginäre und die langwierige Übersetzung ins Symbolische …
– … es wird deutlich, daß Einfühlung nicht nur eine Tugend ist, eine Fähigkeit, die den eigenen Horizont erweitert, die Erkenntnis fördert und die Wissensvermittlung unterstützen kann …
– Einfühlung bedeutet zunächst nur Prägbarkeit, bloße Formbarkeit
– … daß in der Paranoia das Imaginäre für das Reale gehalten wird …
– Kafka: ich ahmte nach, weil ich einen Ausweg suchte.“

Mit Vernunft und Disziplin beschritt sie den Weg der neuen Nüchternheit. Goetz erwies sich dabei als brauchbares Vorbild. Allmählich stellte sich Wachheit ein, gewonnene Zeit, die sie zu nutzen wußte. Sie hatte einen Sonnenblumenstrauß in die Vase gestellt. Zufrieden legte sie die Fragen für das Kuhn-Interview zum Thema „Zeit” beiseite.
Die Irritation der Erfahrung liegt oft darin, daß man sie noch spüren kann, aber nicht zuordnen. Letztlich geht der Versuch immer schief, das Denken im Gegebenen oder Gelebten zu verwurzeln. Allenfalls transformiert das Denken die Sache oder Angelegenheit.

Es war der 25. August 1997. Hochsommer. Heiße Tage. Der Rosset-Band Die Wahl der Worte wurde zusammen mit dem Garland-Buch Six American Copmposers ausgeliefert. Sogar der Gesamtprospekt lag druckfertig vor. Justus brachte bei Einbruch der Dunkelheit den ausgeliehenen Diaprojektor zurück und zeigte ein paar Bilder von der Stadt Nancy. Aber sie ließ sich nicht verlocken. Auch ihr Compagnon versuchte sie mit einem Anruf ins Verlagsloft zu locken. Aber sie blieb stur zu Hause und übte sich in Nüchternheit.
„Es war als wenn sie riesige Schränke hin und her bewegen müßte bei dem Versuch nachzudenken, und sie fragte sich, ob sie überhaupt je nachgedacht hätte.”
Zwischendurch half sie ihrem Compagnon, seinen Vortrag über Foucault für seinen Auftritt bei der Kassler documenta zustandezubringen. Fürchterlich seine kindischen Regressionen vor dieser Aufgabe!

Sie traf Vorbereitungen für ihre Reise in die Schweiz. Und ganz nebenbei sammelte sie Tonmaterial für ihr akustisches Tagebuch. Da mußte man sich eine ganze Menge Kitsch anhören, ehe man zu der eigentlich guten Musik vorstieß. So war das eben. Da war immer ein großer Anteil im roten Leidensbereich, bevor man zu den schwarzen Zahlen des Gelungenen, Echten, Wertvollen einer Sache vordrang.

Schon zum zweiten Mal streikte ihr ComputerDrucker, der LaserJet 5L. Nachdem sie zum zweiten Mal die Voreinstellungen aktualisiert hatte, meldete er folgende drei rätselhafte Befehle, versehen mit einem 100%igen Herz:
„Set Timeout
Set Orientation Portrait
Set Resolut.”
Es klang wie eine Anleitung für ihre Schreibhandlung.

Die wahre Zen-Haltung lag darin, sich von  keinem Gedanken gefangennehmen zu lassen, dem Kommen und Gehen der Gedanken freien Lauf zu lassen, ohne Schläfrigkeit aufkommen zu lassen. Nach der Zugfahrt lag sie im Mövenpick-Hotel auf dem Bett und träumte. Es war ein nicht enden wollender großartiger Traum, der unendlich produktiv, ja kreativ zu sein schien. Schließlich fand sie sich am Abend beim Fischessen im Gespräch mit [Rolf] Lobeck über die documenta-Ausstellung. Und sie hörte Lobeck wiederholt sagen: „Also damit kann ich gut leben.”
Und dann endlich kam gnädig die wohlverdiente Müdigkeit über sie. Es war ein langer Tag gewesen.

Am anderen Morgen, das Hotelfrühstück mit Peter Weibel aus Wien und Daniel Defert aus Paris. Es zog sich eine intellektuelle Girlande um den Kaffeetisch. Wie die Foucault-Editionen in Japan, Amerika, Italien und Deutschland voranschritten, wie der Österreich-Pavillon auf der Biennale in Venedig ausgesehen hatte und wie der documenta-Katalog zusammengestellt ist. Sie parlierte munter mit den Herren und ließ dabei ihr Ringe an den Fingern blitzen. Sie genoß das internationale Flair dieser Hotelsituation. Während die Herren dann aufbrachen zum individuellenAusstellungsbesuch, zog sie sich ins Hotelzimmer zurück und genoß dieLesestunden. Michael Schwarz Die Installation . Vom Bett aus hatte sie eineherrliche Aussicht auf das Kassler Umland, die Hügel und Felder.

29. August 1997. Kassel. Heute Auftritt von Peter Gente, ihrem Compagnon als Gast der documenta 10, zusammen mit Daniel Defert, der Witwe von Michel Foucault, und Walter Seitter, dem deutschen Foucault-Übersetzer. Thema der Veranstaltung, die als Videoaufzeichnung ins Internet eingespeist wird: „Die Rezeption von Michel Foucault”.
Anschließend Abendtafel in der documenta VIP-Lounge. Sie sitzt neben Cathérine David, der Künstlerischen Leiterin der documenta, und zusammen mit Daniel Defert erzählen sie ihr Erinnerungen an die Deutschlandreise mit Michel Foucault. Anschließend ausgelassenes Tanzen mit Daniel auf einer der documenta-Parties.

30. August 1997. Verträumte Zugfahrt von Kassel zurück nach Berlin. Gegen 2 Uhr nachts dann Musiclocation im Flughafen Tempelhof, Hangar II. DJ WESTBAM thront hinter Riesenboxen 5 Meter in der Höhe unter der Kuppel und heizt die Menge auf der Tanzfläche an. Sie wippt am Rande ein bißchen mit und staunt über den Mut von „dem da oben”.

1./2. September 1997. Schon sitzt sie im CityNightLine-Zug nach Zürich. Gleich hinter dem Bahnhof fand sie am Morgen nach der Ankunft Bilger’s Buchladen sec 52, und Ricco hieß sie herzlich willkommen. Aber seine Freundin Ida Gut, eine Modelistin, setzte sie gleich wieder vor die Tür. Sie solle sich erst am Abend wieder blicken lassen, wenn Hektik und Unordnung vorbei seien.
Folglich schlich sie sich mit dem Stadtplan in der Hand hundemüde durch die Stadt, über den Bahnhofsplatz, über den Centralplatz, die Seilergasse hinauf zum Kunsthaus Zürich, zur angestrebten Ausstellung Birth of the Cool. Im Entrée drei großformatige abstrakte Bilder von Andy Warhol mit dem Titel Shadows. (Ihr Compagnon hatte ihr übrigens eine schwarz/weiss VideoKassette über Warhol ebenfalls mit dem Titel Shadows aus Paris mitgebracht). Im angrenzenden Raum je zwei Bilder von Barnett Newman und Jackson Pollock. Besonders das kleinformatige quadratische Bild Nr. 13 von 1950 von Pollock aus einer Privatsammlung hatte es ihr angetan. Endlich konnte sie solch ein Werk mal ganz ungestört aus der Nähe in Augenschein nehmen. Dieser Anblick war die ganze Ausstellung wert.
Anschließend schlich sie noch leise durch die menschenleeren Räume der ständigen Sammlung, wo es Manets und Gaugins und Dégas’ zu bestaunen gab. Aber die Müdigkeit der Nachtfahrt steckte ihr noch in den Knochen, und so schlich sie weiter durch die noble Stadt. Hier durfte man nicht arm sein, das war der Eleganz anzusehen, wenn nicht gar der Arroganz.
Sie wollte gegen 17:30 Uhr in ihre Unterkunft zurückkehren, aber Ida Gut, die Gastgeberin, ließ sie erst um 20 Uhr in die gereinigte Wohnung zur Unterkunft ein. Sie holte sich das Bettzeug vom Hochbett und legte es auf den blanken Parkettfußboden.

3. September 1997. Zürich. Nach einer Nacht auf blankem Parkettfußboden, einem Frühstück aus der Coop-Tüte in irgendeinem Hinterhof, kurze Besprechung mit Ricco wegen eines Philosophie-Symposions in Leukerbad für Frühjahr 1998, dann Fußmarsch an der Uferpromenade des Zürich-Sees zum Museum BelleRive. Welche Entdeckung! Sie sah mit Staunen in der schönen Villa am See die Ausstellung Das Ende der Unschuld. Bilder aus der Entstehung des Pop: die 50er bis — 70er Jahre. Die wundervollen schwarz/weiss-Fotos der EMI-Sammlung London zeigten mehr als nur frühe Musikgeschichte. Dazu leise Musik im Entrée-Saal und von SONY-Videoboxen. Schön auch die Design-Geschichte der bunten Sitzmöbel vom Vitra-Museum und Gebrauchsgegenstände der 50er Jahre: Fön, Verbandskasten, Massagegerät, Plattenspieler, Buttons, Pop-Magazine, Plattencovers, von denen sie selbst noch einige besaß. Und hier waren sie museumsreif! Viele Erinnerung wurde wach, die neue Welt des Hörens erschloss sich ihr. Sie erwarb mit dem ausführlichen Katalog viel guten neuen Stoff für ihr Seminar. Sie hinterließ ihre Visitenkarte für weitere Einladungen.

Als sie hinaustrat, um weiter die Uferpromenade entlang zu schlendern, säumte ihren Weg eine chinesische Lady, die Headphones im Ohr, Opern leise singend rekapitulierend. Nach ein paar Schritten bog sie ein in den Zürcher Chinagarten, der von außen sehr unzugänglich aussah mit den hohen Gittern vor dem Haupttor.
Nachdem sie 4 Franken Eintritt bezahlt und die Erklärungsbroschüre zu den 3 Freunden im Winter erhalten hatte, trat sie leise ein durch das mächtige Tor. Noch gerade konnte sie lesen, daß die „drei Freunde im Winter” die witterungsbeständigen Pflanzen Föhre, Bambus und Winterkirsche symbolisierten, da nahm auch schon eine chinesische Ente ihre Aufmerksamkeit gefangen. Und ein Fischreiher brachte ihren ohnehin langsamen Gang an der Wegkreuzung zum Stehen. Eine Weile beäugten sie sich friedlich und neugierig, Mensch und Tier, dann aber interessierten den wunderschönen grauen Vogel doch eher die Fische im Teich.
Und so nahm sie den Weg wieder auf und schritt mutig über die Zick-Zack-Brücke zum runden Inselpavillon, der die Mitte und die 5. chinesische Himmelsrichtung symbolisierte. Sie schritt weiter zur Bogenbrücke, auf der zwei Männer standen, die sie aufmerksam ansahen. Der eine von ihnen trug eine Plastiktüte, mit einer Aufschrift, von der sie nur das Wort „gefährlich” entziffern konnte: Sie war einigermaßen erschrocken. Die Herren gaben die Brücke frei, als sie daraufzuschritt, und ließen sich im Sechseckpavillon nieder, der, wie sie spät nachlesen konnte, dem Schnee und dem Winter gewidmet war, während sie selber etwas unschlüssig die entgegengesetzte Richtung einschlug und über den Viereckpavillon, der dem Frühling gewidmet war, und über die offenen Galerien zu dem Seitenweg vorstieß und vorbei am Bambushain und durch das Mondtor zum Steingarten gelangte, wo sie sich auf der Rückseite des Hauptpavillons auf den Treppenstufen niederließ und die drei bemoosten Steine betrachtete: vor einer Keramikmauer mit irgendwelchen undefinierbaren elektrischen Bogenlampen oder Lautsprechern. Hier führte der Weg nicht weiter, und sie mußte umkehren und durch den Hauptpavillon, wo zur Zeit eine Steinausstellung zu sehen war, den Weg zum Ausgang nehmen. Später las sie, daß der Steingarten als Schattengarten bezeichnet wurde.
Als sie schon wieder draußen war, noch ganz entspannt und bewegt von dieser tiefen Kontemplation, sah sie mit einem Mal durch die Maueröffnung die beiden Männer wieder und konnte nun die Aufschrift der Plastiktüte genau lesen: „Bei uns ist es lesens-gefährlich.”

Das Le Corbusier-Haus gleich nebenan war nur vage von außen zu betrachten, aber erregte nach diesem intensiven Gartenerlebnis nicht mehr so sehr ihre Aufmerksamkeit.

Daheim gönnte sie sich erstmal eine Dose Bier zur Lektüre der Neuen Zürcher Zeitung, zog die Pumps aus und studierte mit Freuden die diversen Prospekte und Broschüren. Nach kurzer Rast war es schon wieder Zeit zum Aufbruch. Angekommen im Kunsthaus, wo eine lange Schlange an der Kasse etwas irritierte, kaufte sie im Museumsshop ein Set Gaugin-Briefmarken und wunderte sich über eine Andy-Warhol-Krawatten-Edition des Pariser Verlegers Flammarion. Welches Crossover zwischen Kunst und Verlag, Design und Pop! Wie immer fehlten hier die treffenden Worte. Während sie noch in der Vorhalle einen Kaffee trank, traf der amerikanische Pop-Autor Marcus Greil ein und wurde von Tobia Bezzola empfangen, den sie der WDR-Pop-Sendung zusammen mit dem VIVA-Gründer Dieter Gorny bereits am 8. April 97 bewundern konnte. In derselben Sendung übrigens, in der Goetz und  Westbam zu sehen gewesen waren mit Mix, Cuts  & Scratches. So liefen alle Fäden wieder zusammen und ihr harmloses Pop-Thema gewann  unversehens an Aktualität.
Der amerikanische Vortrag von Marcus Greil kreiste um das Modewort cool. Kurz gesagt: „cool is hot”. Es ging um die amerikanische Jazz-Musik der 50er Jahre. Und mit einem Mal wurde ihr klar, wie beim Thema Pop die Konzeptionen der beiden Ausstellungen Birth of the Cool und Ende der Unschuld aufeinanderprallen. Die einen betonten die amerikanische Kunst in der Malerei, die anderen die englische Musik im Foto, die einen den Jazz, die anderen die Pop-Musik. Zwei verschiedene Kontinente kämpfen um den Anteil an der Entstehung des Pop, zwei verschiedene Musikrichtungen und zwei verschiedene Sparten, Kunst und Musik. Diese Gegenüberstellung, diese Kontraste dürften für ihr Seminar ebenfalls in Anschlag gebracht werden.
Nach dem Vortrag unterhielt sie sich mit ihrer Freundin Isolde Eckle, Oberärztin in der psychiatrischen Klinik Burghölzli bei einem Glas Bier im stilvollen In-Lokal Odeon.

4. September 1997. Zürich.
Sie wohnte mitten im Rotlichtviertel von Zürich. Wenn sie morgens vor die Tür trat, sah sie die wenigen durchnächtigten Gestalten: Dealer und Drogenabhängige, Nutten jeglicher Rasse, Nationalität, jeglicher Schönheit und Häßlichkeit. Die Läden rundum: Sex-Video-Shops, Bars, Kneipen, Klamottenläden noch und nöcher. Sie ging zum Coop-Supermarkt Brötchen kaufen und rief ihren Compagnon in Berlin an. Er gestand ihr, für Ende September eine Reise nach Bangkok gebucht zu haben. Sie geriet in Wut darüber und hängte dann ein. Wie konnte er ohne Absprache mit ihr solche Unternehmungen in Angriff nehmen bzw. entscheiden.

Beim morgendlichen Besuch in Ricco’s Buchhandlung erhielt sie einen entscheidenden Tip für ihr Pop-Seminar: die Künstler pierre + gilles mit ihren Flitter- und Glimmer-Bildern. Sie verkörperten alles, was man sich unter Kitsch vorstellen konnte. Da waren alle Farben, Muster, Stoffe, Effekte versammelt, mit denen künstlerisch der Glamour hervorgezaubert wurde. Eine Fundgrube für Kunststudenten. Der Auffälligkeitswert des Häßlichen.

Sie nutzte den angebrochenen Tag um ausführlich den Fotokatalog Das Ende der Unschuld zu studieren. Eine historische Fundgrube an Moden, Stilen, Gesten, Haltungen, die noch jungfräulichen Vermarktungsstrategien. Dazu die informativen Einführungstexte zur Fotokamera-Standardausrüstung, zur Copyrightsituation und den Verbreitungsmedien: Radio und Live-Auftritte. Für ihre Kunststudenten ideales Anschauungsmaterial für die Schnittstelle Kunst-Kommerz in den Wirtschaftswunder-Jahren.

Abends im Zürcher Umland auf den Bergen, umgeben von Wald und Wiesen, Einkehr in einem Dorfgasthof zusammen mit Aurel Schmidt, dem Redakteur des Basler Magazins, und seiner Freundin Christine Seiler, einer Fotografin. Das Gespräch drehte sich um Publikationsvorhaben, den Abdruck des Garland-Textes, die documenta, Aurels „Reisebuch” bei Merve. Umgeben von großer Gastfreundschaft sprachen sie auch von ihren Reisen und Lebensformen. Spät nachts kehrte sie heim.

5. September 1997. Zürich. Sie war morgens mit der Straßenbahn hinausgefahren und saß wartend in der Empfangshalle der großen berühmten Psychiatrie Burghölzli, wo Eugen Bleuler um 1900 seine Schizophrenie-Forschungen begonnen hatte. An der Wand stand der Zimmermannsspruch von Gottfried Keller aus dem Jahre 1866: „Sie bauten, bis das Haus bereit, das tiefstem Unglück ist geweiht.”

Ihre Freundin Dr. Isolde Eckle, Oberärztin, empfing sie wie immer im eleganten Kostüm und führte sie anschließend durch das Riesenareal der Klinik mit Restaurant, Gartenanlagen, Landwirtschaft und Weinberg, dann zum alten Konzertsaal und in den beinahe weihevollen Hörsaal, wo all die berühmten Ärzte gesprochen hatten. Als Anregung für eine mögliche Vortragsreihe gab sie Isolde das Buch Penser la Folie. Essais sur Michel Foucault.
Sie war sehr beeindruckt, über welches große Reich ihre Freundin herrschte. Auf dem zweistündigen Rundgang begegneten ihnen immer wieder Patienten, die den Kontakt zu „ihren” Ärzten suchten, und sie gedachte ihres eigenen Psychiatrieaufenthaltes im ehemaligen Luftwaffenlazarett zu Braunschweig. Das lag nun 8 Jahre zurück. Und beim Mittagessen kam ein junger Assistenzarzt dazu, der in München an derselben psychiatrischen Klinik gearbeitet hatte wie Rainald Goetz, der seine dortigen Erfahrungen im Roman Irre verarbeitet hatte.

Abends im Kunsthaus Vortrag von DJ Spooky aus N.Y.. Es war, soweit sie seinem Englisch folgen konnte, ein Theorie-Zapping ohne roten Faden. Eigentlich verstand sie gar nichts, mal sprach er von Hegel und Herrn und Knecht, dann wieder von der Technikgeschichte und deren Erfindungen, Radio, Fernsehen, Wellen etc., schließlich von Politik. Nein, sie verstand gar nichts, auch nicht, als er Sprechplatten auf den Plattenteller legte und für einen kurzen Moment scratchend hin und herbewegte. Um 9 Uhr war der Vortrag bereits beendet, schnell verließ sie den Saal, doch einigermaßen psychisch angeschlagen, d.h. bei zuviel optischem in-put Konfusion und Verkennung von Wirklichkeit.

Sie mußte die Nerven behalten bis zur Rückkehr nach Berlin! Aber eigentlich wäre gerade diese Wahrnehmung der Wirklichkeit interessant aufzuschreiben. Wie zum Beispiel der Techniker im Kunsthaus ein Video-ähnliches Gerät neben ihrem Sitzplatz Reihe 5 Mittelgang aufbaute. Wie er betont nur den gelben Stecker ohne den roten und weißen in den Rekorder stöpselte, wie er das blaue Bild mit blinkender AV 1-Aufschrift auf der Leinwand in Position brachte, wie er eine Testfunktion einschaltete, so daß man auf der Leinwand „STOP 01″ lesen konnte, und wie er das Schriftbild „FOKUS” scharfstellte. Nachdem er die Technik solchermaßen eingerichtet hatte, ging er fort, um kurz darauf wiederzukommen, das Gerät beiseite zu stellen und die Leinwand einzuziehen, ohne dass je irgendein Film oder dergleichen gelaufen oder gezeigt worden wäre. Da stellte sich doch die Frage: was sollte die ganze Aktion?

Es nutzte nichts, all diese Details aufzuzeichnen. Sie vermutete Geheimnisse, wo lediglich schlichte Unkenntnis der Sachlage vorlag. Z. B. gab es in ihrer Unterkunft, die sonst ziemlich leer war, gelbköpfige Madonna-Streichhölzer aus San Louis und ein Feuerzeug der Transportfirma Gartmann, aber es gab weder eine Kerze noch einen Aschenbecher. Wozu also das Feuer? Sie hätte die Reihe der Merkwürdigkeiten und Fragwürdigkeiten noch fortsetzen können, wozu? Ihre Unterkunft war übrigens „vollautomatisch”, Licht und Lüftung zumindest.

6. September 1997. Zürich
Bei einer Tasse Kaffee im Café du Midi wurde das Begräbnis der Prinzessin Diana im Fernsehen übertragen, die bei einem Autounfall mysteriös ums Leben gekommen war. Der Tag verging langsam daheim mit Lektüre von Samuel Weber’s Deleuze-Buch Zerreißproben. Und in der Tat betraf dieser Text die Gedanken, an denen sie gegenwärtig litt. Dass nämlich jeder Lernprozeß seine Schrecken barg, auch die Gefahr, in die Irre zu gehen. Sie wußte tatsächlich nicht, wonach sie suchte und was sie hier sollte, noch, und das war das Schlimmste, woran sich die Wahrnehmung eigentlich orientieren sollte. Ein kurzes Telefonat nach Berlin war völlig vergeblich, da ihr Compagnon gar nicht begriff, von welchem Stern aus sie Hilfe suchte, sondern sich nur völlig verschlafen in seiner eigenen Befindlichkeit räkelte. Nach 40 Sekunden legte sie den Hörer auf in dem Wissen darum, daß sie tatsächlich so allein war, wie sie befürchtete. Da war kein sozialer Rückhalt. Weber: „Nicht nur Lernen, auch Wissen kann an sich selbst irre werden. Und Denken ohne Konfrontation mit der Gefahr (irre zu werden, dumm zu bleiben, Fehler zu machen etc.,) ist undenkbar.“

Endlich saß sie wieder in der CityNightLine Richtung Berlin, gleicher Waggon (39), gleicher Sitzplatz (55) wie auf der Hinreise. Sie gönnte sich ein TUBORG-Dosenbier als Schlaftrunk und las noch ein bißchen in Vladimir Nabokovs Erzählung Der Zauberer (aber nicht wegen des Sujets, sondern wegen der Erzähltechnik). Über die Zentralanlage dudelte noch ein wenig HipHopMusik durch den Waggon, dann war Stille.

7.-13. September. Berlin
Eine Woche lang Nervenschwäche. Wahrnehmungszusammenbruch. Orientierungslosigkeit. Chaos.
Dann hört sie die Musik von Kraftwerk:
– „A camera will change her mind.”
– „Yes. No. Biolines shimmering. boing boing, tak tak.“
– „we would control all …”
– „we must electronically control the brain.”
– “mass communication is controlled by international paranoia violence and murder.”
– „biothick non stop.”
– „new sound in motion. you would be able to paralyze …“
Dann surfte sie im Internet und fischte Infos über Sakamoto. Dann spielte sie eine Reihe von Musik, die verwandt zu sein schien, und nahm einiges davon auf Tonbandkassette auf:
Kraftwerk, Sakamoto, Tangerine Dream, Brian Eno.

16. September 1997. Heute hatte sie einen Lokaltermin mit Kay [Itting] von mediamorph im Philip Johnson House an der Friedrichstraße 200. In diesem frisch errichteten American Business Center sollte der Verlag für eine Mind Lounge zum Millennium ein event mitgestalten, einem Abend im Foyer mit ca. 200 Gästen, gesponsert von der Zigarettenfirma WEST. Sie traf sich mit Justus vor der British Council Buchhandlung und schlenderte dann über die Baustelle zum Eingang des riesigen Gebäudekomplexes mit seinen glatten Marmorwänden. Die hohe Innenhalle sollte an diesem Wochenende als Veranstaltungsort dienen. Sie besprachen kurz die Raumaufteilung und gingen dann ins Café Adler am Checkpoint Charlie.
Justus erklärte ihr die Zusammenhänge solcher Unternehmungen. Wahrscheinlich sollten derlei von West gesponserte Veranstaltungen etwas Reklame für den Neubau machen und andererseits seien solche Veranstaltungen möglicherweise irgendwelche Abschreibeprojekte, wo Steuergelder gespart wurden. Sie verstand die ganze Sache nicht und wunderte sich immer noch über die außergewöhnliche Location. Im Grunde prima, im zukünftigen Gebäude der amerikanischen Finanzwelt im Zentrum Berlins ein Fest zu feiern, für einen halböffentlichen Personenkreis mit DJ-Auftritten, Lesung und Sushibar.
Während des Mittagsmahls im Café Adler alberte sie noch ein wenig mit Justus herum, dann brach jeder in eine andere Richtung auf. Es war ein mild-warmer goldener Frühherbsttag und sie schlenderte zur S-Bahn-Station Anhalter Bahnhof.

Sie wollte noch etwas sagen, aber sie wußte partout nicht was. Diese Zwischenzustände verbrachte sie meistens mit den Pflichten des Tages, bis wieder der große Bogen der Kreativität einsetzte. Für ihr Popthema befand sie sich noch in der Phase der Materialsuche und Materialbeschaffung. Aber sie machte sich keinerlei Sorgen darüber, daß sie mit dem Stoff und der Seminaraufgabe nicht fertig würde oder zu Rande käme. Sie öffnete das Fenster. Der Klang der Glocken scholl herüber. Es war 18 Uhr, das Abendgeläut. Heute abend wird sie auf dem TV-Musikkanal VIVA die Clip-Ästhetik der einzelnen Musikgruppen anschauen, betrachten, beurteilen, auswählen.

Da schien nichts Fehlgeleitetes zu sein, beim Aufzeichnen der MTV- + VIVA- Musikclips. Am Ende mußte sie mit ihren Studenten das Thema erst selber erörtern, erarbeiten. Der Versuch einer anderen Pädagogik: sich gemeinsam etwas erarbeiten.
Die chinesische Zheng-Musik wirkte entspannend und brachte die Weite des Blicks zurück, den die Ansicht des Fernsehapparates nie erfüllen konnte bzw. könnte. Sie blätterte nochmals in Rainald Goetz’ Buch Kronos und las diese und jene unterstrichene Stelle. Zum Beispiel Seite 391: „Wie müßte Sprache, die noch nichts erkennen kann, weil Finsternis die Tat noch in sich birgt, im Jetzt Vergessen schaffen, bis das Geschehen diesen Innenort verlassen würde und schließlich als äußeres Vergangenes zurückerinnert werden könnte hinein in das Erinnerte?”

Die Tage vergingen, ohne daß sie wußte wie.

Die Zigarettenfirma WEST hat eine Millenniumsparty gesponsert, die die Mediamorph-Leute ausrichten. In der Mind Lounge im Philip Johnson-Haus, dem American Business Center in der Friedrichstraße hat Merve seinen Beitrag geleistet mit einer Lesung der Gruppe 93 aus den Tausend Plateaus von Deleuze/Guattari. Dies war ein event, bei den sie im Kreise der Gruppe ihre nicht anwesenden Lieben schlicht vergessen konnte, also ein starker Reiz von diesem öffentlichen Auftritt ausging. Es war eine internationale Hightech-Szene vertreten. DJ-Artist Scanner, ebenfalls ein Deleuze-Fan, zeigte zu seiner experimentellen Musik markante Sprüche zur Jahrtausendwende. Da war gefordert der solarbetriebene Mensch, die gengestützte Psyche, das fahrerlose Auto und BACK to the future. Die Mediamorph-Leute zeigten ihre meditativen Stressjets, rhythmisch rotierende Ornamentik auf einem riesigen Monitor. David Toop präsentierte sein Buch Ocean of Sounds. Und mittenmang der Merve-Club mit seiner Zitatologie zur Maschinenmusik, zum Maschinentänzer, zum Maschinenphylum. Nach der Präsentation gab sie für das Fernsehen ein kurzes Interview zur Geburt des Internet.

22. September 1997. Westbam lädt zur Platinverleihung seiner Sonic Empire CD zur Bootsfahrt ein. Sie geht alleine zu dieser Feier, da Peter am selben Abend nach Bangkok abfliegt.
Sie begrüßt William Röttger, bedankt sich bei Westbam für die Einladung und schenkt ihm eine Musikkassette, spricht mit [Bad Boy] Bill aus Frankfurt und betritt mit der kleinen Abendgesellschaft den Dampfer. Rotierende Scheinwerfer beleuchten die Uferseiten, Westbam’s Musik spielt, ein Basketballspieler gesellt sich an ihre Seite.
Als dann Westbam’s Jubiläumsschlager spielt, steht sie ganz alleine mit Westbam. Sie sprechen über seine nächste Platte, über das Interesse der Firma Sony an seiner Musik und über seinen Erfolg. Sie mag Westbam’s bescheidene freundliche Art, auch seine Professionalität.
Unter Deck setzt sie sich zu Westbam’s Freundin Kora und deren Mutter. Nach 90 Minuten Mondscheinfahrt legt das Boot in der Nähe vom Müggelsee an einer alten Brauerei an. Die Platinverleihung im Innenhof des riesigen Industrieareals vollzieht sich mit viel Beifall, Gejohle und allgemeiner Freude.

Sie beendete die Kassettenaufnahme von ihrem tagebuchartigen Rohmix Januar – September 1997 mit dem Song „Walking in the Rain” von Grace Jones. Dann beschrifte sie die Kassettenhülle und steckte sie zufrieden in ihre Aktentasche. Sie schrieb ein paar Zeilen an ihren Peter, der sich immernoch nicht aus Bangkok gemeldet hatte. Sie war nicht wirklich besorgt, obwohl sie es vielleicht sein sollte. Aber daran wollte sie im Moment nicht denken. Sie hörte von Steve Reich Music for 18 Musicians. Herrlich! Musikalische Muster wie geflogene Formationen eines Fliegenschwarms. Es war ein goldener Frühherbsttag, an dem sie ein wenig durch die Stadt geradelt war. Sie nahm einige Videoclips vom TV-Sender VIVA für ihr Pop-Seminar auf. Vieles strotzte allerdings vor Banalität. Sie kaufte ein Buch mit Abbildungen von Plattencovers der Popmusik, um davon wiederum Dias herzustellen. Das Bildmaterial regte stark ihre Phantasie an und bereits in der U-Bahn weckte sie beim Blättern darin die Neugier der Nachbar-Fahrgäste. Beim Kramen in dem Fach, das sie für ihr Pop-Thema bereitgestellt hatte, fand sie ein Buch von Edgar Morin Der Geist der Zeit, das wohl ihr Compagnon dort für sie deponiert hatte. Ganz heimlich und versteckt. Wunderbar diese Entdeckung. Ein Essayband über die Massenkultur.

In Hannes Böhringer’s neuem Vorwort zu seinem Amerika-Westernfilm-Buch liest sie den Satz: “In uns allen sitzt ein Gangster, es ist die Gier nach mehr.” Wie wahr!

Reinhard Voigt aus L.A. kam von seiner Münchner Ausstellung über Kassel (documenta), Braunschweig (Kunsthochschule Michael Schwarz), Wolfsburg (Bruce Nauman-Ausstellung) nach Berlin zu Besuch. Er brachte für ihr Pop-Seminar interessante neue Technologien aus dem Internet mit: Musikvideoclips des amerikanischen Musik-Fernsehsenders VH1, sogenannte Pop-Up-Videos. Hochbrisantes Material. Sie fuhren zusammen nach Berlin-Mitte ins Studio der mediamorph-Leute. Da stand der ganze Raum voller Technik-Equipment und die Jungs, Kay und Hans-Otto, zeigten ihre Stressjets, die hightech Version der visuellen Kommunikation. Reinhard war genauso begeistert wie sie selber. Von dem flash Zukunft angetörnt fuhren sie zurück nach Schöneberg ins Restaurant Storch, das Goetz supercool findet.

Sonntag 28. September 1997. Endlich ein Lebenszeichen von Peter aus Chiang Mai, Thailand. Er war drei Tage durch gottverlassene Dörfer gezogen und erst jetzt in zivilisierteren Gegenden, wo es auch wieder Fax gab. Nah endlich. Sie hatte sich bereits solche Vorwürfe gemacht und die Bücher im Verlag hatten sie wie eine stumme Hinterlassenschaft angeschaut. Schrecklich.

Sie las in dem Manuskript von Vilém Flusser Vom Zweifel, um zu prüfen, ob es für eine Merve-Publikation geeignet sei. Seine Witwe, Edith Flusser, hatte diesen aus den 50er Jahren stammenden Text aus dem Portugiesischen übersetzt und ihr zugeschickt. Bei der Lektüre entstanden folgende Zitat-Notizen:
„- Das Nennen als produktive Tätigkeit des Intellekts, um das Ungenaue einzudämmen. Das Erlebnis, das die produktive Tätigkeit des Intellekts begleitet, ist als Intuition bekannt. Intuition als Erweiterung der Leistungsfähigkeit des Intellekts.
– Poesie und Gespräch als zwei Formen des Zweifels. – Der Vers bemüht sich das Unartikulierbare zu artikulieren. Der Vers behält in seiner Gestalt den Abdruck des Schocks.
– Staunen = der Versuch zu Sehen.
– Denken ist zweifeln, weil es das Ritual der Entmythisierung ist.
– Das Denken ist eine überschäumende und euphorische Erfahrung, eine erschütternde und grauenerregende Erfahrung, weil es die Nähe des Unartikulierbaren feiert. Während der Wahnsinn eher im Unartikulierbaren unterzugehen drohte.
– Der Glaube als Instrument der Zustimmung und Ansprache.
– Das Opfer ist der essentielle Teil des Festes. Es ist der Höhepunkt des Festes.(0pfer im biblischen Sinne wäre ‚Ihr wäret verwandelt’.).„

Sie las im Manuskript Kulturkultur von Dirk Baecker, das er zur Veröffentlichung eingereicht hatte:
– „Kultur ist die Zusammenarbeit von Wissenden und Handelnden.
– Kultur stellt Unterschiede bereit. Sie kultiviert die getroffenen Unterscheidungen.
– Kultur als Codierungsregel für Kommunikation.
– Öffnung ergibt sich aus der eigenen Irritierbarkeit
– Heinz von Foerster: “If you desire to see, learn to act.“
Der Band bestand aus einer sehr metatheoretischen Aufsatzsammlung, Kulturtheorie, Kultursoziologie, Kulturanthropologie, Kulturphilosophie. Ob Kulturförderung durch die Politik oder via Sponsoring durch die Wirtschaft geschieht, war heutzutage die entscheidende Frage. Also war es ein Buch für den Kulturbetrieb.

Ein Blick in Roland Barthes’ Fragmente einer Sprache der Liebe lieferte das klärende Kapitel: „Brief ohne Antwort”. Danach konnte sie wieder ein Kapitel ihrer Sehnsucht getrost beenden. Eigentlich schade. Was sollte sie nun mit den losen Enden ihrer ausgestreckten Fühler machen? – Einziehen!

Sie saß im Kumpelnest 3000 bei einem Becks an der Bar und hörte Musik. Es war noch eine Stunde Zeit bis zum Beginn der Gruppe 93, die ihr immer wichtiger geworden war, weil sie hier offen Fragen stellen konnte und weil ein Vertrauensverhältnis entstanden war. Leider wurde gerade an diesem Abend dieses Verhältnis von Henning Schmidgen zerstört, der ständig danach fragte, wovon wir denn eigentlich hier reden. Jeden Gesprächsansatz töte er im Keim, um letztlich die Frage zu stellen: Was zeichnet ein gutes Gespräch aus?

In Bologna war der Papst als Zuschauer zu einem Bob Dylan Konzert gegangen. Dieser Fakt entsprach im Kern dem, was ihr zum Thema Pop vorschwebte.

5. Oktober 1997. Erntedankfest.
„Im Frühjahr aufgekeimt, im Herbst verweht.”
Mit diesem Spruch beendete sie den diesjährigen Jahreszyklus. Die Buchproduktion des Verlages war im Kasten, nun stand eigentlich nur noch die Buchmesse ins Haus, wo sie sie sich mit anderen zu messen hatten. Sie standen nicht schlecht da. An den zwei Hauptereignissen des Jahres, Loveparade und documenta X Kassel, waren sie aktiv beteiligt gewesen.

Ihr Compagnon war aus Thailand zurückgekehrt. Was er von dort zu berichten hatte, von seinen neuerlichen Verwicklungen dort, hatte ihr einigermaßen die Sprache verschlagen. Auch diesmal hatte er sie einfach vor vollendete Tatsachen gestellt und sie damit vor den Kopf geschlagen. Er hatte sich dort in eine unsägliche Geschichte weiter eingelassen als vernünftig, und sie konnte an den unverrückbaren Tatsachen nichts ändern. Sie spürte den kalten Hauch der Einsamkeit. Nun war sie auf sich allein gestellt. Vorsicht war geboten. Von nun an mußte sie ihr Herz in die eigene Hand nehmen. Sie nahm die gleiche Haltung gegenüber der Wirklichkeit ein wie die Polizistin in Bigelow’s Film Blue Steel.